Der “Garten der Sinne” an der Seniorenwohnanlage Weilersist

Naturoasen für dementiell erkrankte Menschen am Beispiel des "Gartens der Sinne" an der Seniorenwohnanlage Weilerswist in Weilerswist

ein Projekt von Alexander Nix Landschaftsarchitekt BDLA


Neuer Trassweg 29 . D-51427 Bergisch Gladbach
Tel. 02204 / 2 29 76 . Fax 02204 / 630 50
www.contur2.de . e-mail: nix@contur2.de




Zum vergrößern des Lageplans bitte auf das Bild klicken.

Der wachsende Anteil Hochaltriger in unserer Bevölkerung hat auch zur Folge, dass die Häufigkeit von Demenzerkrankung zunimmt. Ein Fakt der auch den Anstieg psychisch erkrankter und verwirrter alter Menschen in Alten- und Pflegeheimen erklärt.

Überlegungen wie die Bedürfnisse dieses Personenkreises im Rahmen von neuen Bau- und Wohnkonzepte berücksichtigt werden können, bezogen sich bisher meist nur auf die Gestaltung der Innenräume, die Barrierefreiheit und bestenfalls auf Farb- und Lichtkonzepte.

Der außerordentlichen Bedeutung des Freiraums wurde in der Regel bisher nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Studien haben aber gezeigt, daß allein der Blick ins Grüne, also das Erleben von Jahreszeiten, von Wachstum, Entfaltung und Vergehen, bereits zu einer schnelleren Genesung nach Krankheiten führt.

Die besonderen Bedürfnisse von dementiell erkrankten Menschen, erfordern eine differenzierte Umfeldplanung die möglichst viele krankheitsbedingten Defizite kompensiert, umweltbedingte Abbauprozesse korrigiert und das psychische Wohlbefinden der Nutzergruppe erhöht.


Der Verlauf einer Demenz wird durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt (Begleiterkrankungen, körperliche und geistige Verfassung, Biographie, Ernährung, etc.) und durch weitere Faktoren wie die Umwelt und das Umfeld beeinflusst.

Die abnehmende Fähigkeit demenzkranker Menschen, sich ihrer Umwelt anzupassen, fordert daher eine Anpassung der Umwelt an die noch vorhandenen Fähigkeiten und Bedürfnisse Demenzkranker.

Maximale Bewegungsfreiheit, die auf den Außenbereich übergeht, fördert bestimmte Verhaltensweisen die einen positiven Einfluss auf das Krankheitsbild haben können.

Der häufig zu beobachtende „Drang zu wandern“ führt unweigerlich in die „Natur“ mit ihren abwechslungsreichen sinnstimulierenden und vielfach stimmungsaufhellenden Reizen. Die künstlichen und von Menschhand vorgegebenen Orientierungshilfen werden hier ergänzt durch die von der Natur geschaffenen tages- und jahreszeitlichen Zyklen.

Dekorative Bepflanzungen, Wasserelemente, Steinobjekte oder romantische Lauben stimulieren die Sinne, bieten Rückzugsmöglichkeiten, wecken Erinnerungen und können so Brückenfunktionen in die Vergangenheit übernehmen.

Eine im Sommer diesen Jahres fertiggestellte Parkanlage in Weilerswist, in Trägerschaft der AWO, greift alle vorangegangenen Überlegungen und Erfahrungen auf und bindet sie ein in einen "Garten der Sinne"

Der Struktur der Anlage stellt in ihrer Grundform zweimal eine "Acht" dar, die sich jeweils im Schnittpunkt kreuzen.

Der sich hieraus entwickelnde "Wanderweg" greift die Idee des Lernprogramms "Infinity Walk, Preparing your mind to learn - Was die 8 möglich macht, laufend Aufgaben lösen" von Debora Sunbeck auf.

Gehen löst Verspannungen und lässt möglicherweise Gefühle des „Freiseins“ aufkommen. Die Länge und Führung der Wege (jeder Weg führt zurück zum zentralen "Pergolenrondell") berücksichtigt die Orientierungsdefizite dementer Menschen und bietet zu jeder Jahreszeit eine abwechslungsreiche Wegstrecke.





Ein besonders ebener nahezu fugenloser Wegebelag aus kunstharzgebundenem Splitt ermöglicht bei jeder Witterung eine leichte Befahrbarkeit mit Rollstuhl und Rollator sowie ein sicheres und entspanntes Gehen ohne „Stolperfallen“.

Ein künstlerisch bearbeitetes „Tastgeländer“ des Stahlbildhauers Wolfgang Göddertz begleitet die Wegeführung. Das Geländer erfüllt hier jedoch nicht nur die Funktion eines Handlaufs sondern ist auch ein multifunktionales Sinnerfahrungselement das intuitiv durch die zwangsläufig erforderliche Benutzung eine ganz besondere und vielfältige Sinnerfahrung ermöglicht.

Unterschiedliche Materialien und Oberflächen, Wärme und Kälte, Sehen (Licht) und Fühlen, Bewegung (drehbare Kugeln) und Berührung bieten hier eine Summe von Sinnerlebnissen. Die unterschiedlichen Tasterlebnisse fördern darüber hinaus die Orientierung und Identifizierung. Die in das Geländer integrierten Tast-, Duft- und Obstschalen ergänzen die Gesamtkonzeption.

Die entstehenden Freiräume zwischen den Wegeschleifen sowie der zentrale Kreuzungspunkt sind jeweils einem der fünf Sinne zugeordnet und thematisch entsprechend gestaltet. Ausgestattet mit "Erlebnisstationen" und Ruhezonen werden hier Möglichkeiten geboten die eigenen Sinne zu schärfen und/oder bewusst zu erleben und sich zu erinnern.

Insbesondere die derzeitige Generation der alten und dementen Menschen hat noch eine enge Bindung zur Natur und deren Phänomenen.

Daher kann gerade das sinnanregende Erleben von Natur eine attraktive Alternative zu den Innenräumen sein.

Die eingeschränkte Gefahreneinschätzung verwirrter Menschen macht eine Pflanzenauswahl erforderlich die giftige Pflanzen ausschließt.

Höhren
Für diesen Sinnbereich wird besonders Wert auf eine naturnahe akustische Anregung gelegt. Wesentlichen Ausstattungselemente sind hier ein Strauch dessen Früchte Geräusche erzeugen (Pimpernuss), eine Vogelkirsche - später mit Nistkästen und Vogelhaus - als Nist- und Nährgehölz für Vögel und Insekten,ein überdimensionales "Hörrohr" des Stahlbildhauers Wolfgang Göddertz zur Verbesserung der akustischen Wahrnehmung von Wind, Blätterrauschen, Vogel- und Insektenstimmen, eine mit unterschiedlichsten Tönen glucksende Brunnenskulptur, eine "Steinharfe" des Bildhauerteams Sprenker/Reifferscheid) aus schwarzem gesägtem Granit, die durch sanftes Anschlagen in Schwingungen versetzt wird und über die akustische Wahrnehmung hinaus ein ertasten der Töne über die Steinvibrationen ermöglicht, ein "Klangstein" (Bildhauerteam Sprenker/Reifferscheid) ebenfalls aus schwarzem Granit der durch reiben der mit Wasser benetzten Oberflächen in hör- und fühlbare Schwingungen versetzt werden kann, sowie Gräser und Bambus die den Wind in ein angenehmes akustisches Klangbild transformieren.

Riechen
Im Gegensatz zum Teilbereich "Sehen", der sich topographisch als "Tal" darstellt ist hier ein felsiger Hügel als "Duftgarten" entstanden. Im Frühjahr duften hier Narzissen, Flieder, Braut- und Prachtspieren. Den Rest des Jahres sind u.a. Rosen, Storchenschnabel, Lavendel, Salbei, Thymian, Rosmarin, Melisse, Minze aber auch die Kiefer Garanten für interessante Dufterfahrungen. Eine besondere Art der Ölweide blüht und duftet hier sogar im Winter.

Schmecken
Der umfangreiche Bestand an Obstbäumen (Pflaume, Apfel, Birne etc.) wurde hier durch Ergänzungspflanzungen vervollständigt. Felsenbirne, Haselnuss, Baumhasel, Stachelbeere, Johannisbeere, Walderdbeere, Rhabarber und Weintraube bereichern nun das Angebot.

Ein Hochbeet ermöglicht den Bewohnern selbst die Pflanzung und Pflege von "Essbarem". Radieschen, Möhren, Bohnen oder Tomaten sind nur einige der Pflanzen, die bei geringem Aufwand ein Erfolgserlebnis garantieren. Wie im Schlaraffenland kann man sich hier von Pflanze zu Pflanze essen.

In den am Handlauf integrierten Schalen kann Obst und Gemüse auch in der „obstfreien“ Zeit als „Wegzehrung“ bereitgehalten werden.

Eine plätschernde „Felsenquelle“, im Mittelpunkt der „Speisekammer“ ist visuelles und akustisches Bindeglied zu den übrigen Gartenbereichen.


Sehen
Sehen ist gerade für den alten Menschen häufig mit Problemen verbunden. Bei vielen wird das Sehen ganz oder teilweise durch das Tasten oder das Hören ersetzt. Daher sind im Teilbereich Sehen auch diese Sinne mit angesprochen.

Eine Teichlandschaft mit glucksendem Bachlauf, Fontäne, blühenden Wasserpflanzen und sich im Wind wiegendem Röhricht ist hier nicht nur für das menschliche Auge ein Erlebnis sondern bietet auch zahlreichen Tieren einen attraktiven, naturnahen Lebensraum.

Am "Tastweg" wurde der Handlauf aus unterschiedlichen Materialmixturen hergestellt. 10 verschieden "Tastsequenzen" können hier mit den Händen "gesehen" werden. Das pelzige Laub von Wollziest, Lavendel oder Strauchkastanie, das fleischige Blatt der Fetten Henne aber auch die papierartige Rinde der Schwarzbirke bieten darüber hinaus überraschende Tasterfahrungen. Unter den mit Hortensien, Clematis und Rosen berankten Laubengängen können das Spiel von Licht und Schatten beobachtet werden.


Ein Pavillon (Bestand) bietet gemeinsam mit der "Seeterrasse" einen idealen Ort für Entspannung und Therapie. Von hier aus eröffnet sich dem Nutzer ein attraktiver Blick über Teichanlage und Garten. Mit Kieselsteinen befüllte Schalen regen zu „Wurfaktivitäten“ an.

Die beim Eintauchen der Steine erzeugten Wasserbewegungen animieren zu entspannter Beobachtung.

Am Wegesrand kann die Blüten- und Formenvielfalt der Pflanzen erfahren werden. Eberesche, Trauben- und Vogelkirsche, Blutpflaume, Rhododendron, Ranunkel- und Pfeifenstrauch, Brautspiere, Clematis und Zwerghartriegel dominieren mit ihrer Frühjahrsblüte. Trompetenbaum, Strauchkastanie, Rosen, Hortensien, Sommerspiraeen, Fingerstrauch, Taglilie, Sonnenhut, Fette Henne, Funkie, Greiskraut und Prachspiere folgen mit ihrer Blüte im Sommer und Herbst.

Blattstrukturen, Blattfarben und Blattgrößen sind weitere interessante Gesichtspunkte. So fallen der Trompetenbaum und das Tafelblatt durch riesige Blätter mit einem Durchmesser von bis zu 50 cm auf. Die Blätter des Frauenmantels bestechen - vor allem am Morgen - durch ihre im Sonnenlicht wie Diamanten glitzernden Tautropfen.

Eine überdimensionale Lupe des Stahlbildhauers Wolfgang Göddertz erlaubt darüber hinaus vieles zu erkennen was bisher übersehen wurde. Das integrierte „Konzentrationsfeld“ lenkt den Blick auf Details. Material und Pflanzen in den Betrachtungsfeldern unter der Lupe können und sollen ausgetauscht werden. So ergeben sich regelmäßig neue interessante „Einblicke“.


Ein Weg der Erinnerung, dekoriert mit Exponaten/Spuren von Bewohnern ist Zeugnis der Gegenwart und der Vergangenheit. Hier wird über diejenigen gesprochen die heute oder für immer nicht hier sein können, die aber eine Spur hinterlassen haben und deren sich daher hier die gute Freundin oder der gute Freund gerne erinnert.

Fühlen
Fühlen und tasten ist das Thema des Gartenmittelpunktes. Hier sind Anfang und Ende jeden Rundweges. Hier ist der Ausgangspunkt und die Endstation jeder "Gartenwanderung". Hier trifft man sich - immer wieder. Hier sitzt man unter einer mit Wein und Rosen berankten Pergola. Eine zentrale Steinstele des Bildhauerteams Sprenker / Reifferscheid ist Kreuzungsmittelpunkt - steht „im Weg" - will „angefasst“ – „verschoben“ - betastet werden. Es gibt bruchraue, gestockte, gebohrte, polierte, gewellte Bereiche. Ein unendliches Erlebnisfeld für den Tastsinn.

Die Pflanzung im Randbereich ergänzt die Tastmöglichkeiten. Glatte und pelzige, weiche und harte, dünne und dicke, glattrandige und gesägte Blätter, grobe, rauhe und glatte Rinden können hier ertastet werden.



Resümee
Der Garten ist für Bewohner, Personal und Besucher ein Ort der (Sinnen-) Freude und der (Sinn-) Erfahrung geworden.

Eine aktive und kreative Nutzung vervielfacht die Sinnerfahrungsmöglichkeiten. Neben der Beobachtung gehören daher u.a. auch Pflanzung, Saat und Ernte zu den wichtigen Aktivitäten die in einem solchen „Raum“ stattfinden müssen.

Darüber hinaus bietet die Anlage einen hervorragenden Rahmen für die Ausrichtung von Festen, Veranstaltungen und Seminaren.

Das Institut MenschWerk wird in der Nachbereitung Nutzung, Nutzungsintensität, Nutzungsergebnisse und -folgen abfragen, auswerten und dokumentieren. Gewonnene Erkenntnisse können so in die Planungen neuer Projekte einfließen.













Eine Planungsfibel mit Empfehlungen zur Anlage von Gärten und Parkanlagen für dementiell erkrankte Menschen ist ab Frühjahr 2004 zu beziehen über

MenschWerk, Institut für humane Umfeldplanung,
Anrather Straße 105, 47918 Tönisvorst
Dipl.-Ing. Alexander Nix

Fotografien: Wolfgang Göddertz Alexander Nix