ViaVita – Garten der Sinne


Im Hofbereich zwischen Haus 11 und 12
In der Rehabilitations- und Pflegeeinrichtung Friedehorst :
Friedehorst – Rehabilitations- und Pflegeeinrichtungen
Vereinigte Anstalten der Inneren Mission e.V.
Rotdornallee 64
28717 Bremen

Bearbeitung:
Dipl. Ing. Stef. Schuster
Hegebläch 32
30419 Hannover
Telefon: 0511.2792139
Stef.Schuster@surfeu.de


Grundzüge der Planung

Vorwort

Den Lebensraum von Wachkoma-Patienten in angemessener Weise zugänglich und nutzbar zu machen, so dass der Patient, der in seinen Möglichkeiten stark eingeschränkt und auf andere angewiesen ist, sich in ihm wohl fühlen kann, ist die entscheidende Aufgabe bei der Planung eines Therapie-Gartens für den Hofbereich zwischen den Häusern 11 und 12 in der Rehabilitations- und Pflegeeinrichtung Friedehorst.



Von Seiten der Pflegeeinrichtung Friedehorst ist eine Umgestaltung des heute untergenutzten Bereiches sehr erwünscht. Daraus resultiert, dass eine Umsetzung der Planung, sofern sie den Vorstellungen der Verantwortlichen von Friedehorst und den Angehörigen der Patienten entspricht, zügig angegangen werden sollte. Mit der Planung wird beabsichtigt, dem Hofbereich ein neues Gesicht zu geben und ihn für Patienten, Angehörige und Pflegepersonal als Aufenthaltsraum im Freien zu gestalten. Bei der bisherigen Planung gab es tatkräftige Unterstützung von Seiten der Pflegeeinrichtung. Auch Angehörige der Patienten haben sich in die Planung mit eigenen Vorstellungen und Beiträgen konstruktiv und unterstützend eingebracht. Besonderer Dank gilt Frau Hensel und Frau Vollheim, von denen die Idee und die Initiative für die Anlage des Therapie-Gartens ausging und die sich im besonderen Maße um Sponsoren für den finanziellen Grundstock gekümmert haben.


Grundlagen

Um eine Gartenanlage speziell auf die Bedürfnisse der zukünftigen Nutzer abzustimmen, hier in erster Linie die Wachkoma-Patienten, bedarf es der Auswertung theoretischer Grundlagen und ergänzender Angaben zur Situation in der Pflege-Station.



Zur Kennzeichnung der Arbeit in der Abteilung ist im pflegerischen-therapeutischem Team der Begriff Elevation als Kennzeichnung gefunden worden. Die hier aufgenommenen 20- bis 60jährigen Patienten kommen in der Regel entweder aus stationären Altenpflegeeinrichtungen, in denen immer noch viele von ihnen fehlplaziert liegen oder sogenannten Langzeitrehaeinrichtungen, aus denen sie als nicht weiter zu rehabilitierende Patienten nach einer oft jahrelangen erfolglosen Krankenhaus- und Rehakarriere entlassen werden. In den allermeisten Fällen haben sie lange Liegezeiten hinter sich, selbst in sogenannten Langzeitrehaeinrichtungen ist eine entsprechende Mobilisation für den Rollstuhl und mit dem Rollstuhl nicht selbstverständlich.

Abweichend hierzu ist das erklärte Ziel der Einrichtung ViaVita die ganzheitliche Aufrichtung Elevation).

Stehbrett und Rollstuhl sind die geradezu symbolischen Hilfsmittel der Elevation. Eine große Anzahl von Patienten machen in ViaVita zum ersten Mal nach langer Zeit wieder Erfahrungen mit einer aufrechten Haltung.

Auch für Patienten im apallischen Durchgangssyndrom bedeutet dies offenbar eine erfreuliche-interessante und belebende Statusveränderung, wie entsprechende Beobachtungen belegen. Beim Besuch vergleichbarer Einrichtungen fällt auf, wie hoch in ViaVita der Anteil der Rollstuhlfahrer bei gleicher Symptomatik ist.

Der Begriff der Elevation wurde gefunden ausgehend von der Schilderung der wichtigsten Tätigkeiten durch Mitarbeiter des Teams unter Rückgriff auf das neue Testament, wo das Verb „elevare“ in der lateinischen Übersetzung für das Aufrichten der Kranken durch Jesus gebraucht wird. Zur Elevation dienen neben differenzierten therapeutischen Angeboten wie Musiktherapie, Schwimmen, Krankengymnastik, Logopädie auch die Milieutherapie (sensorische Beeinflussung durch Gestaltung des Lebensumfeldes). Die Räume des Lebendsumfeldes sollen dokumentieren, dass die Betroffenen sich auf einer Station ihres Leensweges befinden (ViaVita – der Weg – das Leben) und nicht in einer Sackgasse des Halbtodes. Durch die Einbeziehung eines Gartens werden die Milieubedingungen erheblich qualitativ und quantitativ verbessert und erweitert.



Um eine Nutzung und weitergehend eine Identifizierung mit dem Garten durch Patienten, Angehörige und Pfleger zu erreichen, ist ein Wohlbefinden in diesem Außenraum erforderlich. Die Zufriedenheit von Patienten als wesentliche Nutzer- und Zielgruppe hängt von verschiedenen Faktoren ab. Hierzu gehört neben subjektiven Gefühlen, mitmenschlichen Kontakten auch maßgeblich die Qualität der Wohnsituation.

Charakterisierend für den Aufenthalt im Freien von Wachkoma-Patienten ist der starke Bezug zum Haus bzw. zu ihnen vertrauten Räumen. Die unmittelbare Wohnumgebung hat auch aufgrund der stark eingeschränkten Mobilität eine sehr hohe Bedeutung. Der Aktionsradius ist meist auf die Räumlichkeiten des Hauses einschließlich der dazugehörigen Außenbereiche (Terrasse, Hof) beschränkt. Sowohl die Terrasse wie auch der Hof sind für viele Patienten in der Regel die einzige Möglichkeit im Freien zu sein.

Die Tätigkeiten von Wachkoma-Patienten im Freien sind von zwei Oberbegriffen geprägt. Zum einen ist es der räumliche Wechsel und zum anderen der Kontakt (Sicht- und Hörkontakt, aber auch körperlicher Kontakt) zu anderen Menschen. Darunter fallen Bedürfnisse wie Ablenkung, Abwechslung, Sozialkontakte, Information und (eingeschränkt) Kommunikation.

Konzept

Die Gestaltung der räumlichen Umwelt für diese Personengruppe beinhaltet eine besondere Spanne an Faktoren. Es liegt aufgrund zahlreicher Untersuchungen die Erkenntnis vor, dass der Abbau von Fähigkeiten auf eine reizarme Umgebung zurückzuführen ist. Um Rehabilitationserfolge zu steigern, sollte die Umgebung stimulierend und nicht deprimierend gestaltet sein. Beispielsweise ist die räumliche Orientierung durch die Farbgebung von Bedeutung, zumal diese außerdem einen stimulierenden Effekt besitzt. Ebenso prägend für die Wahrnehmung sind Faktoren wie Sicherheitsempfinden und eine angenehme Geräuschkulisse.



Betrachtet man eine Außenanlage, die für Wachkoma-Patienten nutzbar gestaltet werden soll, so reicht eine einfache funktionale Gestaltung nicht aus. Es ist besonders für die Patientengruppe von Bedeutung, Erfahrungen und Erlebnisse durch ihre Sinneswahrnehmung zu intensivieren. Um das Wohlbefinden der Patienten im Außenraum zu gewährleisten, ist es wichtig, die Sinne zu fördern. So lassen sich Fühlen, Riechen, Sehen und Hören auch mit entsprechenden Bau- und Einrichtungsmaterialien in einem ansprechenden Umfeld unterstützen.

Je ansprechender das nähere Wohnumfeld gestaltet ist, desto eher werden hier Aktivitäten und Aufenthalt stattfinden.

Damit auch der in seinen Möglichkeiten eingeschränkte Patient sich im Garten wohl fühlt, müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Das bedeutet unter anderem, dass die Gartenanlage den Behinderungen anzupassen ist, Pflanzen mit geringer Pflegeintensität verwendet werden sowie Gegenstände aufzubauen sind, die Sinneswahrnehmung positiv beeinflussen können (wie zum Beispiel ein Brunnen). Sehr wichtig sind die Zugänglichkeit und die Erreichbarkeit der einzelnen Pflanzen.

Es werden im Garten sensorische Impulse für die Betroffenen genutzt werden: der Duft von Blumen, Kräutern und erde, die Berührung von blättern, Blüten, Wasser und Steinen unter freiem Himmel. Hierdurch werden sinne angesprochen, die gerade nach langer klinischer Behandlung kaum erlebbar waren und gleichzeitig existenziell tiefe Wahrnehmungsbereiche ansprechen.

Wie diese Sinne mit Hilfe der Freiraumplanung konkret angesprochen werden, wird im Folgende kurz erläutert.


Sehen:
• unterschiedlich gestaltete und farblich verschiedene Bereiche, die eine Abwechslung für das Auge darstellen
• Bereiche mit dezenter Farbgestaltung anbieten, damit sich die Augen ausruhen können
• kleinräumig attraktiv gestaltete Stellen schaffen, die einen besonderen Reiz für das Auge darstellen

Hören:
• Geräuschquellen anbieten, die als Orientierungshilfe dienen, die also von sich aus ständig Schall erzeugen
• Geräusche schaffen, denen man gerne zuhört, die auch dazu dienen können einen Ort zu prägen
• Lebensstätten für Vögel schaffen
• Möglichkeiten zur eigenen Schallerzeugung anbieten

Tasten:
• den Händen durch Pflanzen und Materialien Tasterlebnisse vermitteln
• Tasterlebnisse auch für andere Körperstellen anbieten
• Möglichkeiten unterschiedlichen Boden bzw. Materialien auch mit den Füßen wahrzunehmen

Temperatur wahrnehmen:
• großräumig Temperaturunterschiede schaffen, die mit dem ganzen Körper gespürt werden und zudem    Wahlmöglichkeiten
• darstellen, wenn es darum geht, einen Ort mit individuell zusagenden Temperaturen zu finden
• kleinräumige Temperaturunterschiede anbieten, die mit der Hand erfahren werden können.

Riechen:
• kleinräumige Dufterlebnisse besonderer Qualität schaffen, jedoch im Umfang beschränken. Strecken mit    geringen Ansprüchen an die Nase dazwischen legen, so dass diese sich bis zum nächsten Dufterlebnis wieder    neutralisieren kann.

Zur Unterstützung dieser Sinneswahrnehmungen können einzelne Objekte, wie Summstein, Windpfeifen, ein Wasserlabyrinth oder Sprechröhren dienen.

Der Aufenthalt in einem Therapie-Garten ist als Ort für die Sinne gedacht, jedoch nicht als "Sinnes-Trimm-Pfad" oder Abenteuerspielplatz, sondern als ruhiger Ort, an dem sich die Sinne anregen lassen und sich Bewohner, Angehörige und Pfleger von der Hektik des Alltags entspannen können.


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