Barrieren zum Testen

(dieser Beitrag erscheint mit der freundlichen Genehmigung des Patzer Verlages - Weiteres hierzu siehe am Ende )

Therapieparcours in Bad Oeynhausen als Trainingsstrecke für Patienten und Planer

Diese Station mit erhabenen Felsquadern mit unterschiedlichen Oberflächen, verstreut auf dem Waldboden angeordnet, ist für Sehbehinderte sehr schwer zu überqueren, für Gehbehinderte mittel bis schwer. Einzelne Geländer geben Hilfestellung. Rollstuhlfahrer können außen an der Station vorbeifahren. Im Hintergrund die Quergefällestrecke, im Vordergrund unregelmäßig und regelmäßig verlegte Sandsteinplatten

Parallel zur diesjährigen Landesgartenschau sind in Bad Oeynhausen noch andere interessante Projekte im Aussenraum entstanden. Iniziiert vom Staatsbad Oeynhausen sowie dem Arbeitkreis Reha-Kliniken entstand im Planungsbüro des Oeynhausener Landschaftsarchitekten Dirk Nagel der sogenannte Therapieparcours. Dieser setzt sich aus therapeutischen Angeboten an drei Standorten zusammen : dem Sinnesgarten im ehemaligen Spielezentrum des Kurparks, dem Kombiparcours mit Finnenbahn und Sandspielfeld in der Oeynhausener Schweiz sowie dem Sandspielfeld im Sielpark.

Zielsetzung des Therapieparcours, der für insgesamt 750.OOODM realisiert und vom Land NRW zu 100% gefördert wurde, ist, Oeynhausener Patienten eine erweiterte Trainingspalette zu bieten aber auch Bürgern und Besuchern der Stadt attraktive Möglichkeiten der Freizeitgestaltung zur Verfügung zu stellen. Dabei sind die therapeutischen Stationen möglichst abwechslungsreich gestaltet, insgesamt werden alle Sinne angesprochen. Generell besteht die Möglichkeit, allein oder in der Gruppe, mit oder ohne Therapeut bzw. Begleitperson die Stationen zu bewältigen. Der Phantasie kann dabei bezüglich der (gymnastischen) Betätigungen freier Lauf gelassen werden.

In diesem Artikel wird der Kombiparcours in der Oeynhausener Schweiz vorgestellt, eine Präsentation DES SINNESGARTEN IST HIER ZU FINDEN (september 2001)

Der Kombiparcours ist seiner Konzeption und Ausführung nach einmalig in Deutschland. Er ist landschaftlich idyllisch gelegen in der "Oeynhausener Schweiz", einem hügeligen, bewaldeten Areal im Stadtzentrum, welches sich unmittelbar an die Porta Westfalica Klinik anschließt, die auch für die Pflege des Kombiparcours zuständig ist. Auf einer Gesamtlänge von 650 m (davon 350 m Finnenbahn) und über insgesamt 5 Höhenmeter bietet er 25 verschiedene Stationen zum Thema "Bodenbeschaffenheit und Barrieren im Aussenraum"

Er beginnt hinter dem Klinikparkplatz und führt in zwei Etappen bergab bis zu einem Ruherondell oberhalb des Hambke-Baches. Hervorzuheben ist die genaue Beschilderung: vor jeder Parcours-Station wird benannt, was den Nutzer erwartet - welcher Bodenbelag, welcher Schwierigkeitsgrad, Länge der Station - und zwar in kontrastreichem Großdruck sowie in Brailleschrift. Alle Schilder des Therapieparcours sind einheitlich gehalten und durchnummeriert. Für Sehbehinderte gibt es den kompletten Rundgang in gesprochener Form auf Cassetten, welche bei den benachbarten Kliniken ausgeliehen werden können.

Schwellen in 1, 2, 4 und 8cm Höhe können für einen Rollstuhlfahrer schon das Aus bedeuten. Für Sehbehinderte sind sie latente Stolpergefahren. Der Handlauf ist hier in vorbildlicher Weise angebracht


Folgende Stationen erwarten den Nutzer auf dem Kombiparcours: Sand in verschiedenen Schichtstärken, Kies in verschiedenen Körnungen, unterschiedliche Beton- und Natursteinpflasterungen, Waldboden, erhabene Felsquader mit unterschiedlichen Oberflächen, Slalom- und Rhythmusstrecken; nach Prozenten bzw. Antritthöhe gestaffelte Quer- und Längsgefälle sowie Bodenschwellen und Stufen, Bodeneinlässe wie Straßenbahnschienen, Kontrollschachtdeckel, Entwässerungsrinne und Hofablauf, Metallabdeckung und -Rost, (Abb. 1-4). Am Ende des Parcours erwartet den Nutzer das Ruherondell am kühlen Berghang oberhalb des kleinen Kerbtales. Hier kann er verschnaufen, bevor er den Parcours evtl. in umgekehrter Richtung erneut begeht.



Rindenmulch auf Reisig sowie seine Eignung als Bodenbelag können auf der Finnenbahn getestet werden, die teils in einer Schleife durch den Wald und teils wagebegleitend verläuft und die vor allem für Jogger eine gelenkschonende Traininingsstrecke darstellt.


Tiefgründigen Sand findet man auf dem Sandspielfeld vor, welches sich schräg gegenüber des Spielplatzes in der Oeynhauser.Schweiz befindet und vor allem Strand-Volleyballer anlockt. Es ist über eine Hundesperre (Metallrost) vom Hauptweg aus zu erreichen und bietet aufgrund seiner Größe (24 x 26 m) Raum für Turniere. Rasenwälle an den Seiten bilden natürliche Zuschauertribünen.
Das Kieselpflaster stellt für Seh- und Gehbehinderte einen mittleren Schwierigkeitsgrad dar. Im Hintergrund Stationen mit Sandbelag und geschlagenem Natursteinpflaster


Die Ausstattung der Stationen wurde von Dipl,lng. Bert Tilicke vom Planungsbüro Nagel extra für den Parcours entworfen. So ist z.B. auch das ergonomisch geformte Geländer nicht einfach nur "von der Stange". Darüber hinaus ist es so angeordnet, dass der Nutzer vor bzw. nach jeder Station den Parcours verlassen kann. "Es ist uns wichtig, möglichst niemanden von der Nutzung des Parcours auszuschließen, welche Beeinträchtigung er auch aufweist` so der verantwortliche Planer. "Die Barrierefreiheit soll durchgängig gewährleistet sein und die bewusst zu Übungszwecken installierten Barrieren bereiten die Patienten auf ihren späteren Alltag vor. Besuchern wird auf diese Weise klar, welche baulichen Schwierigkeiten Leute mit Handicap in ihrem Alltag bewältigen müssen."


An die Bodenschwellen schließt sich der Treppenlauf mit 15/35er Stufen an. Der Handlauf bietet Sicherheit. Rollstuhlfahrer trainieren hier mit und ohne Hilfestellung das gekippte Befahren der Stufen. Rechts vom asphaltierten Hauptweg ist ein Stück Finnenbahn sichtbar

Auch durch seine genaue Beschilderung bietet der Parcours für jeden Besucher ein persönliches Aha-Erlebnis. Für alle Angehörigen eines raumplanerischen Berufes ist er jedoch von übergeordnetem Interesse. Hier können gebündelt all die Barrieren am eigenen und l oder fremden Leib "erfahren “ und ergangen werden, die sich unerkannt in Planungen einschleichen - sei es aus Nachlässigkeit, Unwissenheit oder Desinteresse. Und da eine Fahrt im Rollstuhl, ein Gang an Unterarmgehstützen oder mit verbundenen Augen mehr bewirkt als 1000 Worte..................hier die Anregung an alle Innen- und Hochbauarchitekten, Landespfleger, Raum- und Städteplaner sowie Bauingenieure, sich den Parcours mal so richtig "reinzuziehen", am besten mit einem Insider, der Leihgeräte zur Verfügung stellt und die wichtigsten Informationen persönlich weitergeben kann. Zwischenmenschliche Barrieren, also "Barrieren im Kopf` können bei Gelegenheiten wie dieser gleich mit abgebaut werden.


Geplant sind Folder und ein Demo-Video über den Therapieparcours und seine Nutzung.
Informationsadressen: Landschaftsarchitekturbüro Dirk Nagel Kurze Str. 7
32549 Bad Oeynhausen
Tel: 05734 91100 Fax: 911026 www.nagel-landarch@t-online.de


Zur Autorin:
Silke Schwarz hat bei der Planung und Präsentation des Therapieparcours in freier Mitarbeit assistiert. Sie ist 31 Jahre alt und seit einem Sportunfall vor 7 Jahren selber Rollstuhlfahrerin. Ihr Studium absolvierte sie in Osnabrück, seit 1997 ist sie mit einem Kollegen zusammen selbständig: Planungsbüro Die Malgärtner. Ihr Fachgebiet sind barrierefreie Aussenräume. Im Eigenverlag bei ihr erhältlich ist das Handbuch "Menschengerechte Aussenraumplanung",

Dieser Beitrag erschien in der Neue Landschaft - Fachzeitschrift für Garten- Landschafts-,Spiel- und Sportplatzbau ,; Ausgabe November 2000 Seite 728 ff und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung der:

Patzer Verlag GmbH & Co. KG
Neue Landschaft
Koenigsallee 65
14193 Berlin