Das Potential der Gartenarbeit aus ergotherapeutischer Sicht
von Anette Bengfort
Dieses Skript soll als Motivator und als Anregung dienen , vermehrt Gartenarbeit in Gruppen-, wie auch in Einzeltherapien anzubieten. Außerdem ist es als eine Art Leitfaden zu benutzen, für den Fall, daß Gartenarbeit gezielt eingesetzt werden soll. Es erhebt dabei natürlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
1. Die Unterscheidung der Arbeiten nach Schweregraden
Um den Patienten gezielt fördern zu können, muß man wissen welche Anforderungen die jeweiligen Arbeiten an den Patienten stellen. Dann können gezielt Arbeiten ausgesucht werden, die es dem Patienten ermöglichen verlorengegangene Fähigkeiten wieder zu erlangen oder neue Fähigkeiten zu entdecken.
Unter diesem Gesichtspunkt sind im Folgendem die anfallenden Arbeiten gestaffelt : Arbeiten mit geringen Anforderungen, mit mittelschweren Anforderungen und mit höheren Anforderungen.
Arbeiten mit geringen Anforderungen sind z.B.:
• Erde mischen und zerbröseln.
• Töpfe auswaschen
• Samen großflächig säen
• Pflanzentöpfe nach Größe ordnen
• welkende Blätter entfernen
• Sämereien nehmen.
Arbeiten mit mittelschweren Anforderungen sind z. B.:
• die Samen kleinflächiger aussäen
• das Gewächshaus bewässern
• Pflanzen umtopfen
• Töpfe beschriften
Arbeit mit höheren Anforderungen sind z. B:
• Samen genau und zielgerichtet säen z.B. in bestimmte Reihen
• eine Arbeitsplanung für die Zukunft erarbeiten
• einen Blumenstrauß gestalten und binden
• ein Weihnachtsgesteck erstellen
2. Möglichkeiten der Förderung
Der kognitive Bereich
Pflanzen bestimmen lassen :
• zur Überprüfung von Altgedächtnisleistungen
• zur Unterstützung visuell-perzeptiver Leistungen/
• zur Unterstützung von Ressourcen des Patienten
Daten merken lassen :
• wann wurde eingepflanzt -
• wann muß pikiert und wann umgetopft werden?
• LZG/Training des prospektives Gedächtnis/
• Einsatzvon kompensatorischen Techniken wie z.B. Eintrag in ein Arbeitstagebuch
Einen Überblick über zu erledigende Arbeiten behalten oder erlangen
• Handlungsplanung/ Rückgriff auf kompensatorische Mittel wie Arbeitstagebuch
Die Entwicklung von Pflanzen zurückverfolgen
• Rückgriff auf Altgedächtniswissen/ Langzeitgedächtnis
Die Entwicklung von Pflanzen vorhersehen können
• Rückgriff auf Altgedächtniswissen/ prospektives Gedächtnis.
Der motorisch-funktionelle und vegetative Bereich
Pflanzen aussäen lassen -----> Feinmotorik
Pikieren -----> Feinmotorik
Töpfe säubern -----> Grobmotorik
Topfen -----> Hand/Hand- Koordination und Hand/Auge Koordination
Erde zerbröseln lassen -----> Grobmotorik
Pflanzen rücken am (beweglichen) Gewächshaustisch -----> Stehgleichgewicht/ Raumwahrnehmung
Den Boden draußen hacken -----> Grobmotorik/ Steh- und Gehgleichgewicht
Generell kann man im Garten Arbeiten in verschiedenen Positionen anbieten. Die Patienten können im Stehen, im Sitzen, im Hocken oder im Gehen arbeitenSitz- Stehgleichgewicht.
Die Bewegung im Freien steigert daneben die Blutdruckregulation und durch Muskelarbeit wird der Stoffwechsel angeregt.
Die “Sinneswahrnehmug
Das olfaktorische kann durch die vielen verschiedenen Pflanzendüfte stimuliert werden, insbesondere auch im Kräutergarten besteht eine große Chance dies zu tun. Durch Gerüche kann das autobiographische Gedächtnis angeregt werden.
Oberflächen- und Tiefensensibilität können dadurch gefördert werden , daß man Pflanzen und Samen erspüren läßt. Im Umgang damit erfährt man wie unterschiedlich alleine Samen aussehen können , wie unterschiedlich sie sich anfühlen, ja sie sogar riechen können.
Dosierung von Kraft und Bewegung z.B. beim Setzlinge eintopfen oder pikieren
Farbwahrnehmung z.B. Blüten voneinander unterscheiden
Die Wahrnehmung weiter Rasenflächen, Wälder und Wiesen bewirken eine Erweiterung des Blickfeldes.
Bei Draußenarbeiten kann das Wetter, die Luft, die Tages- und die Jahreszeit wahrgenommen werden.
Soziale Kompetenzen
Rücksichtnahme kann gefördert werden, wenn z. B. schwächere Mitpatienten in der Gruppe sind. Es können Bedürfnisse geäußert und durchgesetzt werden, aber es muß auch abgewartet werden können.
Eigeninitiative wird gefördert , beispielsweise bei den Besprechungen für die Planung der Arbeitsschritte und bei der Arbeitsaufteilung.
Der Patient nimmt einerseits Kontakt auf zu den Gruppenteilnehmern, andererseits muß er diesen Kontakt auch selber annehmen.
Die psychisch-emotionalen Kompetenzen
Der Punkt der Antriebs- und Motivationssteigerung ist ein sehr großer. Die unbewußte und bewußte Aufmerksamkeit ist zu steigern.
Von Vorteil dafür ist das Wesen der gärtnerischen Tätigkeit. Generell bietet man durch die Gartenarbeit eine sinnvolle Tätigkeit an. Denn jeder Mensch hat das Bedürfnis etwas Sinnvolles zu tun. Jeder Arbeitsschritt im Garten steht mit dem Endprodukt in einem erfaßbaren überschaubaren Zusammenhang. Die Verwertbarkeit der Pflanze spielt dabei eine große Rolle. Man kann daraus Nahrung gewinnen oder auch einen Blumenstrauß machen und verschenken. Man muß Verantwortung übernehmen, jede Pflanze braucht ihre Pflege. Die Identifikation mit der Pflanze als Aufnahme einer Beziehung, Entwicklung und Wachstum sind ein lang andauernder Prozeß und fordert Ausdauer und Geduld und eben solche braucht der Patient auch für seine eigene Rehabilitationsbehandlung. Pflanzen wirken beständig und beruhigend.
Anette Bengfort/ Ergotherapeutin /Bochum