Die Misere in den Blindengärten

Der nachfolgende Beitrg erscheint hier mit freundlicher Genehmigung von:

"Die Gegenwart", 06/2004, DBSV e. V.
Deutscher Blinden- und Sehbehindertenverband e.V. (DBSV)
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Die Misere in den Blindengärten
Deutlich erinnere ich mich an ein Interview über dieses Thema mit Christian Seiffert vom Bayrischen Rundfunk, dass er dann für die Gartensendung „Blick über den Zaun“ übernommen hat. Zuvor waren wir durch den Botanischen Blindengarten gegangen; er hatte sich kritisch ungeschaut und viel Fragen gestellt: „Die Misere in und mit den deutschen Blindengärten müsste sich doch ändern lassen; aber wer kann und wer sollte dafür etwas tun?“, fragte er mich damals. „Kann es denn eigentlich so gehen, dass jedes Planungsbüro einfach einen Blindengarten planen kann?“

Drei Jahre sind seit dem vergangen. Geändert hat sich tatsächlich insofern etwas, dass es jetzt zwei gediegene Diplomarbeiten zum Thema „Einen Blindengarten planen“ gibt, denn Michael Herz und Christoph Pröger haben sich dieser Misere angenommen. Sie haben gründlich gearbeitet, zwei Anlagen geplant, die gebaut worden sind.

Michael Herz: „Schließe die Augen, damit Du sehen kannst – Planung eines ‚Blindengartens’ durch einen Sehenden“, 176 Seiten, Universität Kassel 2003.

Schon der Titel zeigt an, mit welcher Einstellung Michael Herz an die Planung herangegangen ist. Wir hatten gemeinsam 2000 den Blindengarten in Bremen besucht, ein „Urerlebnis“ für uns beide, denn der gut ausgewählte Pflanzenbestand ist ausschließlich in Hochbeete gesetzt, so dass jetzt 70% der Pflanzen in Höhe und Breite für tastende Hände nicht mehr zu „sehen“ sind. – Michael Herz hat sich in drei Kapiteln seines Buches intensiv und umfassend mit Behinderungen allgemein, mit Sehbehinderungen insbesondere, mit den Sinnen und der Sinneswahrnehmung und mit Umweltwahrnehmung auseinandergesetzt. In Kapitel 4 stellt er unter anderem gebaute Gärten in Deutschland vor. Kapitel 5 ist Inhalt seiner Planung für die Außenanlage der Wohnstätte Wilhelm-Marhauer-Haus in Hannover. Er hatte zusätzlich ein tastbares Modell erarbeitet, dieses mit den Entscheidungsträgern und Bewohnern des Heimes mehrere Monate im Abständen diskutiert und wieder überarbeitet, es beim Seminar für Landschaftsplaner im Storchennest in Radeberg vorgestellt. Im Juni 2003 ist diese Anlage eröffnet worden. – Michael Herz hat interessiert und sensibel an der Thematik weitergearbeitet. Er leitet ein eigenes Planungsbüro in Kassel. Seine Telefonnummer lautet: 0561 772166. Seine Diplomarbeit ist über die Universität Kassel erhältlich.

Christoph Pröger: „ ... denn das Wenige ist doch viel“, konzeptionelle Planung zum Botanischen Blindengarten Storchennest Radeberg mit der Erweiterung zur Wohn- und Lebensstätte für taubblinde und mehrfachbehinderte blinde Menschen, 147 Seiten, Fachhochschule Weihenstephan 2002.

Christoph Pröger hat seit 1995 zu verschiedenen Zeiten rund drei Jahre im Botanischen Blindengarten mitgearbeitet. Er hat in dieser Zeit beobachten und miterleben können, wie dieser Garten von Taubblinden, Blinden und mehrfachbehinderten blinden Gästen der Villa Storchennest und von Besuchern zu Gartenführungen genutzt und erfahren wird. Er hat für blinde Menschen vor Ort mehrere Hausgärten geplant und sich dabei bemüht, sehr individuell auf spezielle Wünsche einzugehen. Er ist immer noch maßgeblich an der Gestaltung der 20.000 m² großen Anlage der Blindenschule in Sarajevo beteiligt. Christoph Pröger hat neben seinem Dipl.Ing. ein besonderes Geschick als Landschaftsgärtner, so dass er selber gerne in Anlagen baut und buddelt. Das Wertvolle an seiner Diplomarbeit ist neben dem, dass auch Inhalt der Arbeit von Herrn Herz ist, Kapitel 1.2.3 „Blindengärten in Deutschland – eine Bestandsaufnahme 2001 gebauter Beispiele“. Quer durch Deutschland hat er 12 Anlagen besucht, nach detaillierten Kriterien bewertet und in seinem Buch umfangreich dargestellt. Einsehbar ist diese Arbeit an der FH Weihenstephan, bei der DZB in Leipzig, beim Storchennest in Radeberg.

Die Misere in den Blindengärten könnte mehr und mehr beendet werden, wenn dies geschehen würde:
• Wenn Entscheidungsträger in Einrichtungen jeglicher Art für blinde und taubblinde Menschen kein x-beliebiges    Planungsbüro mehr beauftragen würde,
• wenn der DBSV einen eigenen Fachausschuß für Blindengärten hätte, der in öffentlichen Bereichen Einfluß    nehmen könnte,
• wenn wir als Betroffene uns zur Wehr setzen würden, wenn irgendeiner irgendetwas für uns „mildtätig“ bauen    lassen will.

Es stehen bereits zwei bewährte, allseitig fähige Fachleute zur Verfügung; in nächster Zeit werden andere dazukommen. Immer neue Barrieren bauen ... dürfen und müssen wir nicht mehr zulassen – gerade auch dort nicht, wo es um Gärten für sinnesbehinderte Menschen geht.


Ruth Zacharias