Vorraussetzungen und Entwicklung der Gartentherapie

Dr. Richard H. Mattson, Professor für Gartentherapie,
Fakultät für Gartenbau, Forstwirtschaft und Freizeitunterhaltung
Kansas State University, Manhattan, Kansas, 66506-5506


Zusammenfassung des Beitrages von Dr. R. Mattson anläßlich des Kongresses Garten & Therapie in Bad Lippspringe / Frühjahr 2002


EINFÜHRUNG

Ich danke Ihnen für die Einladung, zu Ihnen auf diesem Gartentherapie-Kongress in Bad Lippspringe über die Voraussetzungen und Entwicklung der Gartentherapie zu sprechen. Vorweg möchte ich hier betonen, dass Menschen und Pflanzen gemeinsam gut wachsen. Ich bin sicher, Sie alle verstehen, was ich hier mit „ gemeinsam gut wachsen“ meine: nämlich, dass die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Pflanze beiden Seiten gut tun. Diese Formulierung impliziert auch, dass Pflanzen eine unmittelbare Heilwirkung haben können. Der zeitgemäße Ausdruck für diesen Aspekt des Gärtnerns lautet „Gartentherapie.“

Ich werde ständig gefragt, was Gartentherapie sei. Dann versuche ich es etwa so zu erklären: „Das Zusammenspiel von Mensch und Pflanze im Dienst seiner Heilung oder seines allgemeinen Wohlgefühls – was man heute Wellness nennt.“ Dann folgt meist prompt die nächste Frage: „Sind Sie denn ein ausgebildeter Soziologe oder Psychologe oder eine Art Verhaltenstherapeut?“ Dann muss ich freilich gestehen, dass ich nur ein Gartenwissenschaftler bin, der den Menschen helfen möchte.

DR. KARL MENNINGER

In dieser Rede berufe ich mich auf meine persönlichen Erfahrungen bei der Entwicklung der Gartentherapie im Herzland der USA an der Kansas State University – die erste Universität mit einer staatlichen Landstiftung. Offenbar hatte ich das Glück, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, als es damals, vor 31 Jahren, damit losging.

Mein Leben und meine Karriere sind dem Einfluss von Herrn Dr. Karl Menninger nachhaltig verpflichtet. Dr. Karl, wie ihn seine Patienten anhänglich nannten, war Psychiater und Gartenwissenschaftler. Er führte mich in letzteres ein. Einmal hat er dieses Fach so beschrieben:

„Ich möchte als jemand in Erinnerung bleiben, der zutiefst von dieser Disziplin namens Gartentherapie überzeugt ist. Sie gehört zu den so genannten ‚Zusatztherapien’ und bringt dem Menschen wieder die Erde näher - oder ,Mutter Natur’ oder ein Gefühl von Schönheit oder das Mysterium von Wachstum und Gedeihen näher. Sie ist ein einfache Methode, mit der Natur ein Schutz- und Trutz-Bündnis zu schließen – mit Sofortgewinn.“


Intuitiv ist uns ja klar, wie gut uns das Gärtnern tut - in Körper, Geist und Seele. Wie gut das tut, ist seit Menschengedenken verbürgt. Die Palette des gesellschaftlichen Nutzens von Gärten reicht vom einsamen Meditierer bis hin zu Gruppenaktivitäten. Ein Garten kann völlig entgegengesetzte Auswirkungen haben: Er kann uns sinnlich erregen, z.B. durch die Stimulation von Augen und Nase, wenn Düfte oder Blütenpracht schnelle Beta-Wellen auslösen; und im selben Garten mag ein anderer in all dem Grün eine unverhoffte Entspannung und Stressbefreiung erleben. Diese Mehrdimensionalität ist wichtig, denn die Menschen erhoffen sich von ihrem Garten eine Antwort auf die verschiedensten individuellen Neigungen und Probleme. Ständig findet zwischen der Menschen- und Pflanzenwelt ein reger Austausch von Symbolen und Parallelen statt. Wenn wir diese Interaktionen zu verstehen lernen, gelangen wir zu den Grundlagen der therapeutischen Prozesse, die sich im Garten abspielen.


Dr. Karl war es auch, der mir folgendes Motto für den erfolgreichen Gartentherapeuten mit auf den Weg gab:

„Kartoffeln mag man so oder so anbauen, aber das Ziel muss immer eine reiche Kartoffelernte sein.“

Ich verstand das so: wichtiger Aspekt der Gartentherapie ist der ständige Wandel im gärtnerischen Prozess. Der Therapeut muss also flexibel sein und sich nach den Bedürfnissen der Gärtner richten können. Wenn etwa z.B. für Rollstuhlfahrer Hochbeete eingerichtet oder ein bestimmtes Werkzeug je nach Patientenbedarf umgemodelt oder spezifische Umweltaspekte bei der Auswahl der Pflanzen berücksichtigt werden müssen – erste Priorität muss bei solchen Eingriffen immer sein, dass die Pflanzen gedeihen und blühen und Frucht tragen können. Der Wert dieser Eingriffe und Änderungen sollte in gärtnerischen Maßen und Normen messbar bleiben – „Ein Kilo Kartoffeln“ fördert Selbstachtung und kognitive Entwicklung - für den gärtnernden Patienten somit auch in therapeutischer Hinsicht ein „Ertrag“.


UNSERE URALTEN WURZELN

Pfanzen und Blumen haben seit mindestens 60.000 Jahren zu therapeutischen Zwecken gedient. Der im Norden Iraks in den Shanadar IV-Höhlen entdeckte Blütenstaub lässt vermuten, dass schon der Neantertaler Blumen gepflückt und auf Gräber gelegt hat. Welche Bedeutungen oder therapeutischen Eigenschaften mag er diesen Blumen beigemessen haben? Wurden diese Blumen ihrer Farbe oder ihres Duftes wegen gepflückt? Waren diese Blumen Ausdruck der Trauer über ein verlorenes Stammesmitglied und symbolisierten sie andere Dinge?

Seit diesen Neandertaler Blumenspuren und Hinweisen aus anderen alten Jäger-Sammler-Gesellschaften hat uns die natürliche Selektion der Geschichte bis in die Jetztzeit gebracht. Aber auch heute noch wissen wir instinktiv, dass unser bevorzugtes Umfeld die offene Savanne ist, wie unsere private Gartengestaltung, unsere Parks und Golfplätze beweisen. Die Urmenschen erlernten den aufrechten Gang in den offenen Räumen, wo Bäume Obdach und Schutz boten. Vor allem den Frauen der Jäger-Sammler-Gesellschaften oblag es sich auszukennen, welche Pflanzen zu Ernährungs- und welche zu Heilzwecken taugten.


ERSTELLUNG EINES GARTENTHERAPEUTISCHEN LEHRPLANS

Die Erstellung eines gartentherapeutischen Lehrplans unterschied sich nicht sehr von den Aufgaben dieser blumenlesenden Neantertaler-Frauen:

Was soll man nehmen? Sollten alle Gebiete des Garten- und Ackerbaus im Angebot des Lehrplans vertreten sein? Was sollen die Kurse bieten? Wie kann man den Erfolg eines Kurses messen?

In den USA hat es wiederholte Ansätze zu solchen Gartentherapie-Konzepten gegeben. Der erste Versuch wurde an der Michigan State University in den fünfziger Jahren gemacht. Im Pontiac State Hospital entwickelte Alice Burlingame mit Studenten der Beschäftigungstherapie ein Programm, Gärtnerarbeit als zusätzliche therapeutische Maßnahme in einer psychiatrischen Klinik einzubeziehen. Das Programm war für Doktoranden; ich kenne aber nur einen einzigen Doktoranden dieses frühen Versuchs, der nicht lange währte.

In den USA ist eine signifikante Anzahl von Versuchen gescheitert, Gartentherapie als regulären Studiengang einzuführen. Entsprechende Programme an der Clemson University, Purdue University, Michigan State University und der University of Nebraska wurden nach dem Ausscheiden eines einzigen Fakultätsmitglieds oder –leiters abgesetzt. Jedoch kann kein Gartentherapie-Lehrplan ohne eine vielköpfige Fakultät und eine hinreichende Zahl von Studierenden Bestand haben.

Wie kam das Programm an der Kansas State University zustande? Dies ist vor allem zwei Frauen zu verdanken: Rhea McCandliss, genauso alt wie Alice Burlingame und wie sie aus Michigan, zog in den vierziger Jahren nach Topeka, Kansas, wo sie in einem Kriegsgefangenenlager für Italiener die Gartenarbeiten anleitete. Ihre Erfolge imponierten Dr. Karl Menninger, der sie daraufhin für seine Privatklinik für Psychiatrie in Topeka anwarb. Das Gespann beobachtete den therapeutischen Gewinn gärtnerischer Tätigkeit für Patienten der Psychiatrie und andere Sondergruppierungen. Mitte der sechziger erfuhr Rhea aus einer Studie über die pschychiatrischen Kliniken der USA von Stellenangeboten für Doktoranden eines neuen Studienganges namens „horticultural therapy“ – also „Gartentherapie“. Der Studie war zu entnehmen, dass es in den meisten psychiatrischen Kliniken bereits Gärtnerstellen und Gewächshäuser gab. Nunmehr waren geschulte Gartentherapeuten nötig geworden, um den Erfolg dieser Einrichtungen zu gewährleisten.


DER GARTENTHERAPEUTISCHE STUDIENGANG

Das erste Komitee, das mir von der KSU (Kansas State University) anvertraut wurde, war 1969 dasjenige zur Erstellung eines Studiengangs für das Fach Gartentherapie. Einige Fakultätsmitglieder waren bereits von Dr. Ron Campbell, dem Leiter der Fakultät für Hortikultur, zur Mitarbeit daran ernannt worden. Dr. Karl Menninger und einige Mitglieder der Abteilung für Begleitende Therapien, u.a. Rhea McCandliss, waren einige Jahre zuvor an ihn herangetreten. Um diesen neuen Studiengang und dieses neue Studiengebiet überhaupt erst zu entwickeln, war viel kreatives Denken, Tüftelei, Kompromissbereitschaft und nicht zuletzt Politisieren nötig.

Ich glaube sagen zu können, dass damals, in dieser ersten Entwicklungsphase der Gartentherapie an der Kansas State University, Einmaliges geleistet wurde, sowohl in unserer Fakultät als auch seitens der Entscheidungsträger – kurz von allen, die mithalfen, den 1971 verabschiedeten Studiengang zu umreißen und zu entwickeln. An den meisten Universitäten ist unter den jeweiligen Spezialgebieten ein territoriales Gerangel üblich. Vor dreißig Jahren wäre an eine derartige Zusammenarbeit mit anderen Fächern noch undenkbar gewesen. Aber an der KSU schienen diese Barrieren irgendwie aufgeboben, und so konnte ein Team aus den verschiedensten Fakultäten – für Psychologie, Soziologie, Sondererziehung, Biologie, Familienstudien und Gartenbau – problemlos zusammenwirken, um einen fächerübergreifenden Studiengang zu erarbeiten. Diese positiven Beziehungen zu anderen Fakultäten galt es in den Folgejahren immer wieder zu pflegen.

Der ursprüngliche vierjährige Studiengang in Gartenbau-Therapie begann mit Kursen in den gartenbaulichen Grundfertigkeiten und Wissensvermittlung über Zier- und Nutzpflanzenanbau. Zusätzliche Landwirtschaftskurse in Bodenbeschaffenheit, Entomologie und Pflanzenpathologie, Kommunikation, Business Management, Computerwissenschaften, sowie Gesellschafts- und Verhaltenslehre gewährleisten eine breite Ausbildungsbasis. Zur Grundausbildung in der Gartentherapie gehört etwa auch ein Einführungskurs über die allgemeinen Aspekte des Gärtnerns mit Behinderten, gefolgt von einem Kurs, der sich mit spezifischen Umstellungsproblemen beim Gärtnern befasst , sowie einem anderen, in dem die Studenten die Tragweite von Körperbehinderung durch Rollenspiel am eigenen Leibe nachvollziehen können.

Im Juniorjahr (dem 2. Collegejahr) nehmen die Studenten an einem Kurs in Fall-Management teil, mit ausführlichen Feldstudien und einer mündlichen Prüfung nach einem Fallstudien-Vortrag. Hierauf folgt dann ein Assistenzarzt-Praktikum, bei dem die Studenten 15 Wochen in einer nahegelegenen Behinderten-Institution zu verbringen haben. Zum Abschluss wird von den Studenten ein volles Semester Kursarbeit in zusätzlichen Wahlfächern erwartet – also etwa Kurse in Medizin, Schauspieltherapie, diagnostischer Kunsttherapie, fortgeschrittener Psychologie oder Soziologie, Sonderschulung oder Geriatrie. Das Assistenzarzt-Praktikum ist der Abschlusskurs dieses Studiengangs.

Der Studiengang für den MSc. (Master of Science) Abschluss wurde 1975 verabschiedet, und kurz darauf (1979) erfolgten die ersten Einschreibungen von Ph.D. Studenten (Doktor der Philosophie). Während diesen ersten Zeiten war ich das einzige Fakultätsmitglied, dem eine 100%ige Lehrtätigkeit auf allen Stufen – graduate oder postgraduate, als vor und nach dem Examen bzw. der Doktorprüfung - anvertraut wurde. Alle Forschungsarbeit musste aus Stipendien oder anderen Geldquellen finanziert werden.


GARTENTHERAPEUTISCHE PRAKTIKA

Dass für das Gartentherapie-Programm auch Therapie-Praktika erforderlich waren, erwies sich als eine der größten Hürden. Vor allem in der Gartenbau-Fakultät regte sich Widerstand gegen die Einführung solcher Pflichtpraktika. Noch heute verschlingen die vorgeschriebenen 1000 Stunden als GT-Assistenzarzt den Löwenanteil der gesamten Ausbildungsdauer.

Anfangs war die Bereitstellung entsprechender Ausbildungsplätze noch kein großes Problem, dank der geringen Studentenquote, und wir konnten allesamt im letzten Semester ihres Senior-Jahres (4. College-Jahr) bei den Menningers unterbringen. Ab 1975 kamen weitere Ausbildungsplätze hinzu und unsere Praktikanten konnten USA-weit unterkommen, und heute sogar international. Zu den ersten Alternativ-Angeboten gehörte das des pennsylvanische Friends Hospital in Philadelphia, wo das erste gartentherapeutische Programm überhaupt stattgefunden hatte - noch zur amerikanischen Kolonialzeit! Später kamen auch andere auf die Liste der offiziellen Ausbildungsplätze für GT-Assistenzarzt-Praktika: neben vielen anderen auch das Melwood Horticulture Training Center in Nanjemoy, Maryland; das Holden Arboretum in Kirkland, Ohio; und der Botanic Garden of Chicago in Glencoe, Illinois.

Das Assistenzarzt-Praktikum war ein solcher Erfolg, dass Studenten inzwischen diese Erfahrung wiederholen wollen; ihr Vorschlag ist, zwei Praktika zu je 500 Stunden an zwei grundsätzlich verschiedenen Orten anzubieten – z.B. eines an einer Klinik und ein zweites an einer kommunalen Institution wie etwa einem Botanischen Garten. Jedes Praktikum bietet dann seinen ganz eigenen Erfahrungsbereich und macht so dem Praktikanten mehr Spaß. Meist bieten ihnen diese Ausbildungsstätten auch Annehmlichkeiten wie Entgelt, Unterkunft oder ähnliches.


STUDENTISCHER ZULAUF

Was sind das für Studenten, die an einem helfenden Beruf wie Gartentherapeut interessiert sind? An der KSU waren von Anbeginn 80 bis 95% der Studienanfänger weiblich. Der Durchschnittsstudent wird als untraditionell, älter, eine Zweitkarriere anstrebend, verheiratet mit Kindern sowie hochmotiviert beschrieben. Die meisten haben wiederholt Lebenserfahrungen mit Gartenbau bzw. Behinderten gemacht. Sie wollen ausdrücklich dieses Fach studieren und sind akademisch nachweislich sehr leistungsfähig. Von überallher in den USA und der übrigen Welt kommen Studenten der GT zu uns. Für Studenten, die nicht an Ort und Stelle studieren können, bieten wir drei von unseren vier GT-Kursen auch per Fernstudium an.

Beschreibung der Grundeigenschaften, die ein Student dieses Faches vorzuweisen hat:

+ Mitgefühl und Bedürfnis anderen zu helfen.
+ Geduld im Umgang mit anderen.
+ Kenntnis der Fertigkeiten und Gepflogenheiten im heutigen Gartenbau und Fähigkeit zur Vermittlung dieses    Wissens.
+ Einfallsreichtum beim Entwickeln neuer Ansätze und innovativer Projekte im Dienste von Menschen und    Pflanzen.
+ Selbstkenntnis und Selbstvertrauen.
+ Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit Vertretern anderer Berufe und zum Wohle des Kunden.


SCHULUNG DER AUSBILDER

Bei den Vorbereitungen zum ersten GT Programm an der Kansas State University eröffnete mir einer der vier Fakultätsmitglieder, dass er Geisteskrankheit für ansteckend halte. Er sah es als gefährlich an, in einem psychiatrischen Krankenhaus zu arbeiten. Auch glaube er, dass die meisten der dort Beschäftigten „sich schon den Virus geholt“ hätten. Die Zeiten sind vorbei! Um die Studenten sachgerecht beraten zu können, so erkannte ich damals, musste ich erstmal selbst in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet haben. So leistete ich im Jahre 1975 bei Menningers ein Praktikum von 500 Stunden als Assistenzarzt ab; urteilen Sie nun selbst, ob ich mir wohl „den Virus geholt“ habe!






EINSCHÄTZUNG DER AUSBILDUNG

In den frühen Achtzigern wurde aus Mitteln des National Institute of Mental Health (für Geistige Gesundheit) eine Befragung von ausgebildeten Gartentherapie-Studenten durchgeführt. Sie wurden gebeten, eine Rangfolgenliste der wesentlichen Erfordernisse bei ihrer Arbeit zu erstellen. Als wichtigste Fertigkeit rangierte das „Motivations-Management“, worunter die psychologische Fähigkeit zu verstehen ist, menschliches Interesse für und Beteiligung an gärtnerischer Beteiligung zu wecken. Alle Ebenen der Kommunikation wurden als „wichtig“ gewertet, ob mündlich, schriftlich oder nicht-verbal, je nach Bedürfnis des Einzelnen oder der Gruppe. Zu meiner Überraschung rangierte „Gartenbau-Kenntnisse und -Erfahrungen“ nur auf dem dritten Platz. Ganz offensichtlich kommt es in der Gartentherapie mehr auf Zwischenmenschliches an.


STELLUNGSSUCHE FÜR ABSOLVENTEN

Eines der ersten Dinge, die sich herausstellten, war die Erkenntnis, dass der Begriff „Gartentherapie“ als Beschreibung der Interaktion von Mensch und Pflanze nicht hinreicht. Die meisten unserer Absolventen finden Anstellungen mit Berufsbezeichnungen wie „Beschäftigungstherapeut“ oder „Ausgebildeter Reha-Spezialist“, „Fallmanager“, „Öffentlicher Garten-Koordinator“, „Botanischer Ausbildungsleiter“, „Verwalter der Außenanlagen“ „Gartenbau-Lehrer“ oder „Peace Corps Freiwilliger“; doch in den meisten dieser Stellungen kann der Absolvent der Gartentherapie im gärtnerischen Bereich mit Menschen arbeiten.

Da unsere Fakultät von vornherein auf nur 25 Studienplätze plus 10 Plätze für Doktoranden begrenzt wurde, war die Stellensuche bisher kein Problem. Kürzlich jedoch wurde bekannt, dass unsere Aufnahmequote auf 50 Studienplätze erhöht wird, da zwei weitere Fakultätsmitglieder eingestellt wurden; Dr. Eunhee Kim und Dr. Candice Shoemaker werden uns in Forschung, Beratung und Lehre unter die Arme greifen. Damit steht einer weiteren Ausdehnung unseres Programm nichts mehr im Wege. Auch für zusätzliche Doktoranden wird Platz vorhanden sein.

Wie viele Gartentherapeuten brauchen wir? Gemäß einer einfachen Fallstudie in der Stadt Manhattan, Kansas (Bevölkerung ca. 45.000), kommt dort auf je 8000 Einwohner 1 Gartentherapie-Absolvent. In dieser Stadt arbeiten fertige Gartentherapeuten in einer städtischen psychiatrischen Klinik, im Bildungswesen, einem beruflichen Reha-Trainings-Zentrum, in der Altenversorgung und Langzeitbetreuung, in einem Programm für Parks und Erholung und als städtischer Garten Programm Koordinator.

Es gibt in den USA eine Reihe einschlägiger Organisationen, die für die verschiedensten Gruppen von Behinderten zuständig sind – z.B. die American Community Gardening Association (Ges. für öffentliche Gartenpflege), die American Horticultural Therapy Association (Ges. für Gartentherapie), die American Association of Botanic Gardens and Arboreta (Ges. für Botanische und Forstbotanische Gärten) sowie die American Society for Horticultural Science (Ges. für Gartenbau-Wissenschaften). Von diesen verfolgt nur die Gesellschaft für Gartentherapie aktiv das Ziel einer größeren Akzeptanz dieser jungen Berufssparte.

Alle Anstrengungen in dieser Richtung haben sich aber bisher nur darauf beschränkt, auf die Einschreibquoten zu verweisen; aber was besagen die schon. Das ist eine Art Eigenreklame, die nichts über die berufliche Qualifikation aussagt. Die beruflichen Fähigkeiten werdender Gartentherapeuten sind nur anhand eines Systems von schriftlichen und mündlichen Prüfungen messbar. Leider hat auch jedes Examenssystem seine Schwachstellen: Der Geldaufwand, das Timing der Tests, die Bereitschaft, die Glaubwürdigkeit und damit ihr Wert, sowie die Inhalte – um nur ein paar zu nennen. Doch sollte man vor keinen Mühen zurückschrecken, wenn der Absolvent auf diesem Wege Anerkennung finden kann, von den Medizinern wie den Krankenkassen, die schließlich die Rechnungen begleichen müssen. Und es wird keineswegs leicht werden, ein beglaubigtes Examenssystem auf die Beine zu stellen. Da die Gartentherapie sich aber inzwischen global durchsetzt, wäre es zudem sinnvoller, auf die Entwicklung internationaler Prüfungsbestimmungen hinzuarbeiten.


GARTENTHERAPIE UND GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNG

Wie aber lässt sich Erfolg oder Scheitern eines Programms überprüfen? Haben die Absolventen Glück bei der Jobsuche? Wird wirklich etwas Positives unternommen, um die Lebensqualität der Menschen zu verbessern? Fällt unser „Fähnlein der Aufrechten“ überhaupt ins Gewicht?

Eine der spannendsten Zukunftsaufgaben im Bereich der Gartentherapie wird die erweiterte Erforschung bio-medizinischer Themen sein. Unerlässlich ist auch mehr internationale Zusammenarbeit zwischen GT-Absolventen und GT-Dozenten. Die Forschung muss sich solchen Themen zuwenden wie genauere Messung der Reaktionen des zentralen und autonomen NervenSystems, des Immunsystems, von Auras und Energiebahnen und den aerobischen Auswirkungen von Gartenarbeit.

Die praktische Umsetzung grundlegender gartentherapeutischer Erkenntnisse wird einer neuen Gartenindustrie Tür und Tor öffnen. Es wird zu einer vermehrten Blumen- und Pflanzenproduktion, besseren Vermarktunsstrategien und damit zu einem wirtschaftlichem Aufschwung kommen. Zum Beispiel begrüßen wir alle heilsamere Landschaften, kommunale Verschönerungsprojekte, und die Einbeziehung von Pflanzen in die Milieus von Kliniken und Büros. Es liegt in unser aller Hand, die Botschaft von mehr Gesundheit und Wohlbefinden durch den Umgang mit Pflanzen an die große Glocke zu hängen.

In den Sechzigern herrschte in den USA eine große Unruhe. Die Ermordungen führender Politiker, die Bürgerrechtsbewegung und der Vietnamkrieg hinterließen in unserer Gesellschaft damals tiefe Wunden. Wenn ich auf jene Zeit zurückblicke, sehe ich Beispiele vor mir, welch eine entscheidende Rolle Gartenarbeit und –pflege dabei spielten, einem ganzen Land zu helfen sich zu entspannen und zu genesen. Die Bewegung für öffentliche Gärten wurde populär, die Blumenkinder von San Francisco demonstrierten gegen den Vietnamkrieg mit Gänseblümchen, und selbst die First Lady, die Frau von Präsident Johnson, rief die Leute dazu auf, Wildblumen zu pflanzen und Amerika verschönern. Wiederholt haben Gärten eine wichtige Rolle bei der Erholung vom gesellschaftlichen Stress gespielt: Bei den Rassenunruhen im südlichen Zentrum von Los Angeles wurde praktisch die ganze Umgebung von den Bränden und Verheerungen erfasst – bis auf zwei Ausnahmen: Unangetastet blieben die McDonald´s Restaurants und die fünf Bezirksparks im Unruhegebiet. Erstere haben ein örtliches Management und stellen Minderheiten ein; letztere waren diejenigen Orte in „the hood“ (der Nachbarschaft) wo die Leute sich treffen und gemeinsam beschäftigen und „sich mal so richtig erholen“ konnten.

Zusammenfassend bin ich überzeugt davon, dass Gartentherapeuten ein großartiges Potenzial zur Lösung der Probleme unserer modernen Welt darstellen. Wenn wir nachhaltig die Medien der Gartenkultur einsetzen, nämlich die Menschen in ihrem Verhalten zu aktivieren und zu motivieren, können die positiven Auswirkungen nicht ausbleiben. Dann dürften die Menschen gesünder leben, mit weniger Stress, in einer verbesserten Umwelt und schöneren Arbeitswelt, erholter durch Selbstversorgung und in Nachbarschaften, die sich durch eine gesündere Lebensweise geeint wissen.

Gärtnern ist eine menschliche Erfahrung von großer Tragweite.

Vielleicht hat Masanobu Fukuoka ja den Nagel auf den Kopf getroffen, als er schrieb:

„Letzten Endes ist das Ziel des Gärtners nicht das Ziehen von Pflanzen, sondern die Pflege und Vervollkommnung von uns Menschen.“

ZUSAMMENFASSUNG

Im Laufe der letzten dreißig Jahre hat das Fach „Gartentherapie“ an der Kansas State University auf den Gebieten der Ausbildung, Erforschung und Entfaltung des menschlichen Heilpotenzials durch Gärtnern zunehmend Vorbildcharakter bekommen.

Im ersten Jahrzehnt wurde sich ganz darauf konzentriert, einen interdisziplinären Lehrplan zu erstellen, Ausbildungsplätze zu finden, Studenten anzuwerben, Studienabgängern Anstellungen zu beschaffen, die Fachwelt zu überzeugen und einschlägige Organisationen zur Zusammenarbeit zu bewegen.

Im zweiten Jahrzehnt erfuhr das Fach „Gartentherapie“ eine Binnendifferenzierung: Es wurde in sechs spezialisierte Unterbereiche aufgefächert, mit je einem Studiengang in Psychiatrie, Körperbehinderung, Strafvollzug , Geriatrie, Sonderschulung und Gemeinschaftsarbeit .

Im dritten Jahrzehnt wurde einerseits das Grundstudium verallgemeinert und andererseits das Programm für die naturwissenschaftlichen bzw. geisteswissenschaftlichen Studienabgänger und Doktoranden spezialisiert. Die Forschungsarbeit zum Bereich Gartentherapie umfasst biomedizinische Untersuchungen ebenso wie beschreibenden Fallstudien.

Demnächst werden genauere Prüfungsrichtlinien ausgearbeitet, um die Ausbildung von kompetenten und professionell versierten Gartentherapeuten zu gewährleisten.

Aufgabe der Forschung wird es sein, die Heilkraft der Interaktion zwischen Mensch und Pflanze nachweislich zu untermauern und auf mehr Akzeptanz und Verständnis hinzuarbeiten. Eine internationale Zusammenarbeit und die praktische Umsetzung der Forschungsergebnisse sollen dazu beitragen, die Lebensqualität der Menschen zu verbessern.