Kleingärten - Begegnungsstätte für Jung und Alt
Helga Panten (CMA)
(CMA) Heute morgen hatte die alte Dame es mal wieder besonders eilig. Ganz ohne Jacke ist sie hinausgerannt aus dem Alten- und Pflegeheim und zieht nun ihre Runde durch die Kleingartenanlage "Heimgartenbund" in Hamburg-Altona. "Na kommen Sie, wir gehen erst mal eine Jacke holen", ertönt die Stimme einer Kleingärtnerin. Flugs wird sie zurückdirigiert. Es dauert nicht lange und die alte Dame erscheint zum zweiten Mal im Grün der Gärten – nun aber warm angezogen.
Geplant hat das Miteinander der Kleingärtner und der alten und zum Teil verwirrten Menschen niemand. Es ergab sich einfach aus der engen Nachbarschaft, so wie sich auch das Miteinander mit Besuchern aller Art in anderen Kleingartenanlagen ganz zwanglos ergibt. Denn Kleingartenanlagen stehen grundsätzlich allen Menschen zum Spaziergang offen. Abgeschlossene Tore gehören schon lange der Vergangenheit an. Neue Anlagen bestehen sogar zu 40 % aus Gemeinschaftsgrün, in das oft Spielanlagen und Sitzplätze integriert sind. Aber auch alte Anlagen, wie die des 90 Jahre alten Vereins "Heimgartenbund", bieten viel Grün, das als Erholungsraum nicht nur für die Gartenbesitzer Bedeutung hat.
Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde, der Bundesverband der Kleingärtner, formuliert das Selbstverständnis seiner Mitglieder so: "Wir erfüllen einen sozialen Auftrag: Wir schaffen Raum für die Begegnung von Menschen mit unterschiedlicher Lebensgestaltung, leisten einen wichtigen Beitrag für den Dialog zwischen den Generationen und für die Integration verschiedener sozialer und ethnischer Gruppierungen".
Nach dieser Aussage überrascht es nicht mehr, dass die Mitglieder des Kleingartenvereins Heimgartenbund den Besuch der verwirrten Menschen und die Fürsorge für sie gar nicht als Belastung empfinden. "Wir freuen uns, wenn sie zu uns kommen und die Ruhe in unseren Gärten genießen. Wir haben sogar die Wege befestigt, damit auch die, die auf Rollstühle angewiesen sind, zu uns kommen können", erklärt Beate Hufnagel, die Vorsitzende des Vereins. "Manchmal stehen ganze Gruppen vor einem der Gärten und diskutieren, was denn dort gerade blüht. Häufig geht es dabei richtig lebhaft zu, wenn Erinnerung gegen Erinnerung steht."
Für die alten Menschen ist die Kleingartenanlage ein wahrer Glücksfall. Zwar ist auch das Alten- und Pflegeheim in Grün eingebettet. Aber für Menschen mit Demenz, zu deren Krankheitsbild ein ausgeprägtes Bewegungsbedürfnis gehört, ist der Ausflug aus der Heimwelt einfach unwiderstehlich. Entsprechend rasch sind die 50 m zwischen Heim und Kleingartenanlage überwunden, die noch nicht mal eine Straße trennt. So als sei die Anlage speziell für Menschen mit Demenz konzipiert, erschließt ein Rundweg den Kleingartenkomplex. Selbst die Verwirrten unter den Besuchern finden automatisch wieder zum Eingang und damit zum Heim zurück.
Profitieren in Hamburg die alten Menschen von der Pflanzenbegeisterung der Kleingärtner, so nehmen sich Bremer Gartenfreunde der Kinder und Jugendlichen an. Vor 15 Jahren entstand der Lehr- und Versuchsgarten des Landesverbandes Bremen, in dem nicht nur die Kleingärtner selbst, sondern auch anderen Gärtnern Beratung finden sollten. Mehr und mehr öffnete sich das Zentrum aber auch für die Bremer Schulen. Inzwischen hat sich der Lehrgarten zum Umweltbildungszentrum FlorAtrium entwickelt, das selbst der Bremer Senat unterstützt. Grundschulklassen, darunter auch die einer Schule für geistig behinderte Kinder, sind hier regelmäßig zu Gast. Sie bekommen ein Stückchen Garten und dürfen es dort einen ganzen Sommer lang wachsen lassen. "Für Stadtkinder ist bereits der Regenwurm, der sich beim Lockern der Erde eilig davon macht, eine Sensation. Die erste Blüte, die sich öffnet, wird begeistert begrüßt. Und alle sind stolz, wenn z. B. im Herbst die selbst gezogenen Kartoffeln gegessen werden", erklärt die Biologin ??? Brünn, die für die Betreuung der Schulkinder engagiert wurde.
Aber nicht jedes Kind kann regelmäßig ins FlorAtrium kommen. Die Entfernungen sind einfach zu weit und die Zahl der Kinder ist zu groß. Als Antwort darauf entstand das Netzwerk Lerngärten, zu dem inzwischen zwölf Kooperationen zwischen einem Kleingartenverein und einer Schule oder einem Kindergarten gehören. Den Kindern wurde jeweils eine Gartenparzelle zur Verfügung gestellt, auf der sie buddeln, pflanzen, säen, pflücken und ernten können. Was dort wachsen soll, bestimmen die Kinder gemeinsam mit Lehrern oder Betreuern. Aber wenn man nicht weiter weiß, weil vereinzelt werden muss oder Probleme mit Läusen und Schnecken auftauchen, dann helfen die Kleingärtner. Irgendwer ist immer da, der gern Wissen und Erfahrung teilt. Spaß macht das beiden Seiten. Und so sprießen Sonnenblumen und Kapuzinerkresse, Ringelblumen und Kräuter im "Kindergarten" in fröhlichem Durcheinander.