Ein Garten ist der beste Arzt
Das folgende Interview erschien in der BUNTE Nr. 19 vom 30.4.2002 und erscheint mit der freundlichen Genehmigung der BUNTE
Wenn es einen Zeitpunkt gibt, wo Natur lockt und ruft, dann jetzt! Zarte Blättchen sprießen, die Wiesen
sind wieder überzogen mit frischem Grün und weißen Tupfem von Gänseblümchen. Obstbäume tragen ihr Blütenkleid. In den Gärten leuchten Tulpen, Narzissen und Schlüsselblumen. Und in den Gemüsebeeten drängen die ersten Kräuter- und Salatkeime ans Sonnenlicht. Frühling macht glücklich- und die Arbeit auch: Erde umgraben, säen, Sträucher. Blumen und Gemüse pflanzen tut nicht nur der Seele gut, sondern auch dem Körper: Gartenarbeit hat sogar heilsame Kräfte. In vielen Kliniken und RehaZentren gehört der Umgang mit Spaten, Rechen und Gießkanne inzwischen zur Therapie. Mit erstaunlichem Erfolg. BUNT-E sprach mit dem Wiener Arzt Dr. Fritz Neuhauser, der Gartentherapie-Projekte entwickelt und leitet.
Dr.Fritz Neuhauser ist Arzt für Allgemeinmedizin am Geriatriezentrum Wienerwald und leitet Gartentherapieprojekte
Wie wirkt Gartenarbeit auf den Organismus?
Schon nach acht Minuten Aufenthalt im Freien sinkt der Blutdruck um zehn Prozent. Bei Hochdruckpatienten nimmt er anschließend sogar noch weiter ab. Der Puls wird ruhiger, die Herzfrequenz gleichmäßiger. Der Stoffwechsel wird angekurbelt. Muskelverspannungen lösen sich, Schmerzen nehmen ab, Ängste verschwinden, die allgemeine Stimmung steigt. Die körperliche Koordination verbessert sich, Kommunikationsfähigkeit und geistige Aufmerksamkeit nehmen deutlich zu.
Welchen Patienten hilft die Beschäftigung mit Erde und Pflanzen?
Alle Menschen, die durch Krankheit oder Alter aus ihrem bisherigen Lebensumfeld gerissen und in Abhängigkeit von Ärzten und Pflegern geraten, können davon profitieren. Wir wenden die Gartentherapie mit großem Erfolg bei der Behandlung und Betreuung älterer Menschen an, die zum Beispiel an Demenz , Parkinson oder Alzheimer leiden. Bei psychischen Krankheiten, Suchtentwöhnung, Essstörungen, Depressionen oder Burn-out-Symptomen wirkt Gärtnern wahre Wunder. Nach Unfällen, einem Schlaganfall oder Herzinfarkt beschleunigt der Kontakt zu Pflanzen die Wiedererlangung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Stoffwechselstörungen, Herz-Kreislauf-Leiden und psychosomatische Beschwerden klingen ab. Auch Krebspatienten erholen sich schneller und sogar unheilbar Kranke reagieren äußerst positiv auf Gartenarbeit.
Das klingt, als wäre der Kontakt zur Natur eine Art Allheilmittel.
Scheinbar ja. Studien zeigen, dass alle Kranken, die mit Pflanzen arbeiten dürfen oder sich wenigstens viel in abwechslungsreich gestalteten Parks aufhalten können, sich schneller erholen und weniger Medikamente brauchen. Sogar Patienten, die auf der Intensivstation liegen müssen, genesen allein durch einen freien Blick in die Natur in kürzerer Zeit und haben weniger Komplikationen.
Pflanzen nehmen jeden Patienten so an, wie er ist. Das heilt.
Warum kann allein das Sehen eines Baums für Schwerstkranke heilsam sein?
Der sterile Umgang ,voll mit sirrenden technischen Geräten, die Schmerzen, die Bewegungsunfähigkeit und die totale Abhängigkeit von Ärzten und Maschinen machen den Patienten große Angst. Angst erzeugt eine Fülle von negativen Abläufen im Körper: Zum Beispiel steigen Blutdruck und Puls, die Atmung wird flach und hechelnd, alle Muskeln verkrampfen sich, die Wundheilung verzögert sich, Schmerzempfinden und Infektanfälligkeit nehmen tu. Der Anblick von Gesundem, lebendigem hingegen beruhigt, macht Mut und stärkt die Selbstheilungskräfte. Auch auf die Besucher und das Klinikpersonal wirkt viel frisches Grün entspannend und stimmungsaufhellend. Sie können in einer naturnahen Umgebung viel offener, gelöster und freundlicher mit den Patienten umgehen.
Ist bereits ein Fenster zum Park oder Pflanzen im Krankenzimmer eine Art Gartentherapie?
Der Anfang. Sobald kranke Menschen nicht mehr bettlägerig sind, ist richtiges Gärtnern angesagt. Im Idealfall hat jeder Patient ein eigenes kleines Beet, für das er verantwortlich ist, oder einen Bereich im Garten, der ihm gehört. Die eigene Gestaltung dieses kleinen Stückchens Erde wirkt erstaunlich viel besser als herkömmliche Therapien.
Wieso?
Jeder Patient braucht Bewegung, um Knochen und Muskeln zu stärken, den Stoffwechsel anzuregen, den Kreislauf zu stabilisieren und psychische Spannungen abzubauen. Schlaganfall oder Unfallopfer müssen oft sogar wieder ihren Körper neu beherrschen lernen. Deshalb üben Patienten normalerweise täglich an speziellen Geräten und absolvieren mit ihrem Krankengymnasten Gleichgewichtstrainings und Gymnastikprogramme. Meist mit wenig Begeisterung und entsprechend langsamem Erfolg. Beim Umgraben, Samen stecken, Einsetzen von Pflänzchen, Unkraut jäten und so weiter vergessen die Patienten, dass es sich hier um ein Trainingsprogramm für ihren geschwächten Körper handelt. Die Menschen sind mit Begeisterung dabei und gewinnen ihre motorischen Fähigkeiten wie von selbst zurück.
Warum hilft Gärtnern auch der Psyche?
Menschen öffnen sich einander in freier Natur weitaus leichter als in einem Gruppenraum. Alle Gespräche werden draußen leichter, direkter, persönlicher, auf den Moment bezogener. Die innere Distanz zum Arzt, Pfleger oder Therapeuten verschwindet, wenn man gemeinsam über die beste Anbaumethode beratschlagt. Die eigenen Ängste, Sorgen und Probleme treten in den Hintergrund, sobald man sich wieder um etwas kümmert, für etwas Lebendiges Verantwortung trägt. Wir haben sehr oft mit Erstaunen beobachtet, dass sogar völlig in sich zurückgezogene, apathische Patientendurch Gartenarbeit plötzlich aufblühen und wieder aktiv am Leben teilnehmen.
Was können Pflanzen besser als Therapeuten?
Die Natur nimmt jeden Menschen so, wie er gerade ist. Bäume, Rosen oder Salatstecklinge bewerten Patienten nicht. Pflanzen reagieren immer direkt und immer positiv auf jede Zuwendung, die sie von außen bekommen, egal ob sie von einem Gesunden kommt oder einem Gebrechlichen, Alten, Schwerstkranken, Süchtigen oder Depressiven. Und Pflanzen sind abhängig von demjenigen, der sie pflegt. Die Patienten werden im Garten also selbst zu Betreuern und Ärzten für die Natur. Das gibt ihnen neues Selbstbewusstsein, oft sogar neuen Lebenssinn.
Sie arbeiten auch mit Demenz und Alzheimer-Patienten. Können solche Menschen überhaupt für ein Gemüsebeet sorgen?
Wer einen Garten hat, braucht weder Fitnessstudio noch Urlaub
Erstaunlicherweise ja. Ich habe zum Beispiel erlebt, dass zwei ältere Frauen, die schon lange weder ihre Angehörigen erkannten noch ihren eigenen Namen wussten und nicht einmal mehr selbstständig essen konnten, plötzlich gemeinsam beschlossen : jetzt säen wir Radieschen und Salat. Die beiden haben den gesamten Ablauf, vom Samen aussuchen über akurat in Reihen auslegen bis zum Eingießen, ganz allein hinbekommen. Kein Mensch auf der Welt hätte ihnen diese Leistung zugetraut.
Passieren solche Wunder öfter?
Natürlich, ständig. Am schönsten ist, wenn trübe Augen plötzlich wieder anfangen zu strahlen, einen wirklich ansehen, erkennen. Vorher teilnahmslose Patienten unterhalten sich plötzlich vollkommen logisch mit uns, ihren Angehörigen und untereinander über ihre Pflanzen. Sie können sich auch sehr genau merken, wann was gejätet, gegossen oder gedüngt werden muss. Die geistigen Kräfte kommen wirklich wieder zum Vorschein. Auch ihre allgemeine Beweglichkeit und Geschicklichkeit nehmen erstaunlich schnell zu. Außerdem entstehen durch das Gärtnern neue, stabile soziale Bindungen. Die Patienten helfen einander im Garten, binden auch uns Ärzte, das Pflegepersonal und ihre Angehörigen mit ein. Und noch eine angenehme Nebenwirkung hat die Gartenarbeite: Die Kranken bekommen wieder mehr Appetit und brauchen weitaus weniger Medikamente.
In der Erde graben und Blumen gießen statt Pillen schlucken?
Ja. Insbesondere Beruhigungs – und Schlafmittel können deutlich reduziert, manchmal sogar abgesetzt werden. Patienten, die gartln, brauchen zum Beispiel auch weniger Schmerzmedikamente, Blutdruck- und Cholesterinsenker, Psychopharmaka oder Neuroleptika.
Hilft Gartenarbeit auch gesunden Menschen?
Natürlich. Wer ein kleines Fleckchen Erde zu seinem eigenen Paradies macht, ist vor vielen Zivilisationsleiden gefeit. Nichts baut Stress und nervliche Überlastung, unter der heute die meisten Menschen leiden, besser ab, als in der Erde zu wühlen. Der enge Kontakt zur Natur, das Wieder-Spüren der jahreszeitlichen Abläufe, das Erleben des ständigen Kreislaufs
von Keimen, Wachsen und Vergehen schenkt emotionale Stabilität und Gelassenheit. Gärtnern wird nie eintönig, nie langweilig, sondern bietet immer neue, kreative Herausforderungen. Die kleinen und großen persönlichen Erfolgserlebnisse führen zu tiefer, innerer Zufriedenheit. Die vielfältigen Bewegungsabläufe an der frischen Luft trainieren den Kreislauf, regen Stoffwechsel und Immunsvstem an, bauen Übergewicht ab, stärken Muskulatur und Knochen. Wer einen Garten hat, braucht weder Fitnessstudio, noch Wellnessurlaub!
Und wer keinen Garten hat?
Der sollte sich so viel wie möglich in der Natur aufhalten: abends einen Spaziergang im Park machen, am Wochenende in die Berge oder an einen See fahren und statt auf dem Hometrainer zu strampeln und nebenbei Fernsehen zu gucken, mit dem Fahrrad durch Wald und Wiesen radeln. Außerdem lassen sich Balkone oder Fensterbänke auch in Stadtwohnungen herrlich begrünen. Oder ein kahler Hinterhof oder die langweilige Grünfläche vor dem Mietshaus kann gemeinsam mit den Mitbewohnern in ein üppiges Pflanzenparadies verwandelt werden.
Viele kennen ihre Nachbarn kaum und dürfen auch keine Blumenkästen anbringen.
Dann kann man sich auch im kleinsten Zimmerchen einen Minigarten schaffen und sein eigenes Stückchen Natur in eine Hochhauswohnung holen. Mit Kunstlicht wächst in Pflanzschalen oder einem Aquarium auch drinnen fast alles, zum Beispiel eine japanische Bonsai-Landschaft, Zwergrosen-Arrangements, eine Orchideenzucht oder ein Kräutergarten mit Blumen. Die Größe des eigenen Gartens ist nicht wichtig. Wichtig ist, überhaupt wieder regelmäßig Kontakt zur Natur zu haben, Erde zu fühlen, Wachstum zu erleben. Das macht gesund und glücklich.
INTERVIEW: CAROLA ENGLER