Vorab:
Am Rahmen des alljährlichen Gartenfestes an der Villa Storchennest des deutschen Taubblindendienstes in Radeberg fand in diesem Jahr zum ersten Mal ein Blindengartenforum statt.
Im Rahmen dieses Forums wurde auch die neue komplett überarbeitete Broschüre zum Blindengarten vorgestellt. Mit mittlerweile 50 Seiten Informationen für Planer, mit einem großen Pflanzenverzeichnis , ausführlichen Gedanken zu Blindengärten und Überlegungen zur Welt der Sinneswahrnehmung ist mit dieser Broschüre fast schon so etwas wie ein Standardwerk für die Anlage von Blindengärten entstanden.
Garten und Therapie bedankt sich bei der Autorin, Frau Ruth Zacharias, nachfolgend als Auszug etwas über die Anlage von Hochbeeten abdrucken zu dürfen.
Die Broschüre kann erworben werden bei :
Taubblindendienst e.V.
Pillnitzer Str. 71
01454 Radeberg
Telefon : 03528 /4397 -0
Fax : 03528 / 4397 -21
Hochbeete
In den vergangenen Jahren hatte ich immer wieder Gelegenheit, Hochbeete an sehr verschiedenen Orten in kleineren und größeren Anlagen ansehen zu können. Vielmals war ich enttäuscht, sowohl über die Pflanzenauswahl und ihre Beschilderung mit Punktschrift als auch über die Bauweise, vor allem über ihre Pflege. Die Enttäuschungen haben mich zum Nachdenken gezwungen und die Überlegungen darüber, warum denn eigentlich so vieles in diesem Bereich noch so unbefriedigend ist, haben mich nicht mehr losgelassen.
Ich denke, daß ein funktionierendes Hochbeet ein fantastisches Hilfsmittel für "tastende Hände" ist und daß die segmentierte Welt blinder und taubblinder Menschen mit diesem Hilfsmittel im Naturbereich ein wenig erweitert und bereichert werden kann und soll.
Die Funktion eines Hochbeetes ist vielfältig.
Vermittelt werden können Pflanzenkenntnisse und reale Vorstellungen von Pflanzen nach Gestalt, Duft und Farbe.
Wenn die Pflanzenauswahl gut getroffen und an die Hochbeethöhe angepaßt ist, können Pflanzen in ihrer naturgemäßen Gestalt erlebt werden.
Wenn außer den üblichen Aromaten unbekannte und interessante Pflanzen ausgewählt werden und überhaupt immer einmal der Pflanzenbestand gewechselt wird, werden Hochbeete zu schönen Anziehungsorten und guten "Blindenfreunden".
Wenn unter dem Gesichtspunkt von Jahreszeiten gepflanzt wird, kann das ganze Jahr hindurch, Monat für Monat, Natur ertastet und erlebt werden.
Wenn winterharte Stauden gepflanzt werden - auch Zwiebeln und Knollen -, kann vom Sprießen bis zum Einziehen Natur wahrgenommen werden.
Wenn auch ein- und zweijährige Pflanzen ausgewählt werden, können genaue Beobachtungen vom Säen, Wachsen, Reifen, Ernten gemacht werden. Eventuell ist ein eigenes Tätigwerden möglich...
Wenn auf verschiedene Tastqualitäten geachtet wird, kann das Tasten zusätzlich geschult werden - bis zum ästhetischen Empfinden.
Wenn Duftrichtungen und Duftqualitäten nuanciert eingesetzt werden, kann das Riechen geschult werden, so daß Pflanzen genau errochen bzw. Arten nach Duftnuancen bestimmt werden können. So gibt es z.B. bei Rosen an die zehn verschiedene Duftnuancen wie Zimt, Zitrone, Nelke u.a.
Wenn die Beschilderung mit Punktschrift exakt gebracht wird (botanische und deutsche Namen in Vollschrift) und die Hände eine bequeme natürliche Lesehaltung einnehmen können, werden Pflanzen wirklich zu unterscheiden gelernt. Hochbeete sind Hilfsmittel, um mit der Pflanzenwelt bekannter und vertrauter zu werden, aber niemals - aus der Sicht der Sehenden - nur optische Gestaltungselemente, mit denen die Pflanzenwelt tastenden Händen entrissen wird, weil Sträucher und Kletterer dort ihren Platz gefunden haben, die bestenfalls nur noch an einem Blättchen oder Stamm erwischt werden können.
Es muß dahin kommen und dann dabei bleiben: Pflanzen werden mit Hilfe eines Hochbeetes in Tasthöhe gebracht, so daß sie nach Größe, Höhe und Breite ertastet und errochen werden können.
Hochbeete an anderen Stellen als in Gärten und Außenanlagen für blinde und taubblinde Menschen haben selbstverständlich nach Funktion und Optik noch andere Bedeutungsweisen.
Die Bauweise von Hochbeeten kann sicher sehr unterschiedlich gehandhabt werden; praktische Gesichtspunkte, wie Nutzung und Pflege, sollten aber immer den Vorrang bei allen Überlegungen und Entscheidungen bis zur Ausführung haben. Größe und Form eines Hochbeetes sind abhängig vom möglichen oder gewählten Standort. Hochbeethöhen liegen zwischen 70 und 90 cm, so daß die Hände in angenehmer Tasthaltung gut sehen können. Die Tastweite ist maximal 70 cm, so daß die ausgestreckte Hand noch gut heran kann. Die Breite bzw. Länge eines Hochbeetes ist abhängig vom Platz, der zur Verfügung steht, und von der Pflanzenanzahl, die ausgewählt wurde. Die Formen sind nicht entscheidend, wenn gewährleistet bleibt, daß tastende Hände gut sehen können.
Bei der Wahl der Materialien wird oft nicht die ständig notwendige Pflege bedacht. Holzpalisaden sehen natürlich schöner aus, sind aber pflegeaufwendig, denn vermooste und schlierige Hochbeetränder oder Splitter auf den Hochbeeträndern, an die eine tastende Hand unweigerlich herankommt, sind nicht erlaubt, wenn die Funktion eines Hochbeetes erreicht werden soll. Ich empfehle gemauerte Hochbeete, deren Ränder in der Regel ohne Schlick und Schlier und Splitter sind.
Die Pflanzenflächen dürfen nicht zu klein sein, da es sonst erhebliche Probleme mit der Feuchtigkeit gibt.
Die Pflanzenfläche ist erdig am angenehmsten, also ohne Steine, Hölzer, Gitter zur Zierde oder aus anderen Gründen.
Entscheidend ist der Abstand von Pflanze zu Pflanze: immer einzeln stehend, so daß die einzelne Pflanze gut erkannt werden kann.
Wenn hohe und niedrige Pflanzen einander abwechseln, Düfte sich nicht im Blattwerk mischen und die Pflege geregelt ist, schaut eine tastende Hand sich gerne im Hochbeet um, erlebt auch noch das Erdreich nach Körnung, Feuchte und Temperatur.
Immer wieder habe ich beobachtet, daß die meisten blinden und taubblinden Leute nur sehr vorsichtig tasten, denn eine Hand kann ja wirklich nur eine kleine Fläche übersehen und es bleibt eine Unsicherheit, welche Überraschungen bei den nächsten Zentimetern dazwischen kommen. Daher ist es nicht übertrieben, wenn Hochbeetpflege ein wenig mit guter Zimmerpflanzenpflege verglichen wird; also: kein Dickicht von Spinnweben, kein Matsch, kein Schlier, keine vertrockneten Spieße und dergleichen mehr.
Natürlich haben auch einzelne Erfahrungen im Umgang mit Pflanzen, so daß alles ein bißchen großzügiger gehandhabt werden kann.
Wer aber blinde und taubblinde Menschen draußen an Pflanzen heranführen will, muß sehr viel bedenken, nicht zuletzt auch aufpassen, wenn Ameisen, Bienen, Raupen, Schnecken Besucher im Hochbeet sind.
Zum Naturerleben gehört das alles dazu, ist aber dennoch für eine tastende Hand nicht einfach angenehm, wenn es zur Berührung kommt; ein sehendes Auge ist hier besser dran.
Alles, was ohne das Hilfsmittel Hochbeet im Pflanzenbereich ertastet werden kann, soll seine "Bodenständigkeit" behalten und auf gar keinen Fall in die "Höhe" gebracht werden. Kein Strauch und Baum gehört ins Hochbeet!
Praktisch sind Hochbeete in Sitzhöhe, also 40 bis 50 cm hoch. Wenn dann unter anderem als Teppich Thymus herba-barona gepflanzt wird, kann sitzend das Duftvergnügen (der Sehende genießt die Farbe) mit dem wohltuenden Berührungsduft erlebt werden.
Staudengrößen werden an Hochbeethöhen angepaßt. In der Regel reicht eine Hand nicht über zwei Meter Höhe hinaus.
Immer gehören Pflanze und Schild zusammen. Wenn geprägte Schilder auf dem Hochbeetrand befestigt werden, etwa auf Holzpalisaden, muß eine ständige Pflege erfolgen, denn sonst ist Punktschrift nicht mehr lesbar. Wenn auf wetterfeste Folie sowohl Punktschrift (zur Zeit Polycarbonat selbstklebend) als auch Schwarzschrift geschrieben wird und diese auf handelsübliche Etikettenstäbe geklebt werden, ist eine wechselnde Bepflanzung möglich. Teure geprägte Schilder zwingen von vornherein dazu, beim einmal ausgewählten Pflanzenbestand bleiben zu müssen, eben den Standardaromaten. Hier und da sieht es so aus, als würden "Blindengärten" allein schon an der Beschilderung scheitern...
Ich bleibe dabei: Ein funktionierendes Hochbeet ist ein hervorragendes Hilfsmittel zum guten Sehen für tastende Hände.