Gartentherapie mit/für Kinder
Helga Panten / CMA
(CMA) Das Erdhäuflein in der kleinen Schubkarre schwankt. Die Last in der linken Kinderhand, dem linken Arm wird plötzlich größer als rechts. Hände, Arme, Schultern, der ganze Rücken müssen gegensteuern. Gleichzeitig suchen die Füße Halt auf dem holprigen Pfad. Die Augen huschen vom Pfad zur Karre und wieder zurück. Vor lauter Aufregung arbeitet die Zunge mit, die Nase schnieft. Sehen, fühlen, tasten, Muskeln anspannen, Gleichgewicht halten - der ganze Körper, alle Sinne sind gefordert.
Mit Begeisterung schaufeln die Kinder Erde, um den Murmelberg im Garten des Heilpädagogischen Kindergartens Holzminden zu erhöhen. Noch stattlicher soll der Berg werden, damit die Murmeln noch weiter rollen. Herrlich lässt sich dabei mit der Erde matschen und bauen. Tunnel entstehen, ein Wäldchen aus Gras wird an den Hang gepflanzt. Weiche Weidenkätzchen wandeln sich zu Zuschauern. Eine Allee aus Gänseblümchen flankiert das Ende der Bahn. Schier unerschöpflich liefert der Garten immer wieder Neues, das den Murmelberg belebt und verschönert.
Der Garten mit all seinen Elementen hat einen hohen Aufforderungscharakter für Kinder, sagen Pädagogen und Therapeuten dazu. Für den Heilpädagogischen Kindergarten und seine Kleinen ist er daher von elementarer Bedeutung. Es sind Kinder mit Behinderungen, mit Entwicklungsverzögerungen, Wahrnehmungsstörungen und Verhaltensauffälligkeiten, die täglich hierher kommen. Sie finden Möglichkeiten zum Spiel, zu Kreativität und Entfaltung in dem Garten, in dem man vorgefertigte Spielgeräte vergebens sucht. Erde, Pflanzen, Wasser, Steine, Holz, die Gestalt des Geländes bieten sich zum Spielen an. Man muss einfach ausprobieren, was sich mit ihnen alles anstellen lässt, und so eignen sie sich ideal als Medium für die Therapie.
Spielen, das für unbefangene Erwachsene eher nebensächlich und zufällig wirkt, bedeutet für Kinder, ob behindert oder nicht, elementares Lernen. Beim Spielen sammeln sie Erfahrungen fürs Leben, eignen sich die Welt an. Ganz unmerklich trainieren sie ihre Sinne, ihre Wahrnehmung, ihre Koordination, ihre Muskeln. Ulf Theiß, Leiter des Heilpädagogischen Kindergartens in Holzminden sagt daher auch: "Einer unserer wichtigsten Förderbereiche ist die Motorik. Sie ist die Grundlage für viele weitere Fähigkeiten. Aus diesem Grund sind wir ein Kindergarten, der dauernd in Bewegung ist".
Bewegungsmuster, das Erfassen des Umfelds durch die Sinne und die angemessene Reaktion darauf, sind komplexe Prozesse, die hohe Anforderungen an die Verarbeitung im Gehirn stellen. Für Anja Mühlinghaus, Heilpädagogin an der Rheinischen Landesklinik in Köln, ist das Lernen eines neuen Bewegungsablaufes wie das Bahnen eines Pfades durch Wildnis. Der erste Gang durch das Gestrüpp ist langsam, mühevoll, tastend. Das zweite Mal geht bereits leichter. Von Mal zu Mal prägt sich der Pfad mehr aus. Was uneben war, glättet sich. Schließlich ist jede Biegung, jede Senke vertraut. Der Bewegungsablauf gelingt rasch, sicher und ohne zu stocken.
Sicheres Gehen, Klettern, Ziel gerichtetes Werfen, Heben entwickeln sich so. Immer steht mühsames Probieren am Anfang, sicheres Zusammenspiel der Sinne und Muskeln am Ende. Ohne Trainieren geht es nicht. Aber Training, so wie Erwachsene es absolvieren, das ist nichts für Kinder. Pure Übungen sind langweilig, unverständlich und ermüdend. Im Frühjahr die Erde locker buddeln und Samen darin verstecken, im Sommer mit der Gießkanne Wasser holen und Blumen, sich und andere nass spritzen, den herabsegelnden Blättern im Herbst mit dem Rolli hinterher sausen, sich als Indianerfedern ins Haar stecken oder noch später im Winter im lockeren Schnee toben, das Alles macht Spaß. Dass dabei Hände und Füße, Augen, Ohren, Gleichgewichtssinn, Koordination und vieles andere mehr geschult werden, das wissen die Pädagogen, die Therapeuten. Für die Kinder ist das uninteressant und doch so lebenswichtig. Und so lässt sich das Spiel behutsam und doch gezielt steuern, um genau die Bereiche zu üben, in denen Förderung nötig und möglich ist.
Aber längst nicht alle Kinder haben das Glück in der Nähe eines Kindergartens oder auch nur eines Spielplatzes zu leben, der auf ihre Möglichkeiten abgestimmt ist. "Viele behinderte Kinder verbringen eine Kindheit, die nur sehr eingeschränkt Möglichkeiten und Gelegenheiten für Bewegung und Spiel bietet. Solche Erfahrungen lassen die Kinder vom jüngsten Alter an resignieren", stellt Landschaftsarchitektin Beate Voskamp, Mitglied im Ausschuss Barrierefreies Bauen der Brandenburgischen Architektenkammer, fest. "Dabei sind behinderte Kinder viel mehr noch als ihre nicht behinderten Spielkameraden auf vielfältigste Bewegungsangebote angewiesen als Grundlage für die Entfaltung ihrer Entwicklungschancen".
Daher fordert die Landschaftsarchitektin: Spielplätze für alle Kinder. Dass der Weg dorthin gar nicht so schwierig ist, zeigt der von ihr entworfene barrierefreie Kinderspielplatz in der Berliner Therapieeinrichtung "Alter Quellhof". Auf den ersten Blick unterscheidet er sich gar nicht von einem gut ausgestatteten Spielplatz. Wer registriert schon, dass alle Bereiche mit Roller, Dreirad und Rollstuhl zu erreichen sind? Oder dass die Sand- und Wassertische mit dem Rollstuhl zu unterfahren sind. Die Pumpe, die das Wasser über die verschiedenen Ebenen plätschern lässt, ist das, was auffällt und alle Kinder verlockt zum Plantschen und Matschen.
Wie eine sehr niedrige Sprungschanze ragt das Liegebrett über den großen Sandbereich. Auf ihm bäuchlings liegen und Sandkuchen backen, Burgen bauen oder einfach nur den warmen, weichen Sand durch die Finger rieseln lassen, welch ein Vergnügen, wenn man sonst im Rollstuhl sitzt. Aber nichts spricht dagegen, das Brett auch tatsächlich als Sprungschanze zu nutzen, wenn die eigenen Möglichkeiten das hergeben. Begehrt ist der Schaukelkorb, in dem man so sicher sitzt oder liegt. Meist tummeln sich mehrere Kinder darin – behinderte wie nicht behinderte, denn das Gefühl der Schwerelosigkeit, das Loslassen von der Erde und das Fliegen, das lieben alle gleichermaßen.