Gartenarbeit als Informationsmedium über psychische Grundstrukturen
Eine empirische Fallstudie über einen Patienten in der Arbeitstherapie einer psychiatrischen Klinik
Diplomarbeit von Beatrix Neumann im Fachbereich Gartenbau der Universität Hannover,
Institut für Gartenbauökonomie, Abteilung Kommunikationslehre bei Prof. Dr. M. Giesecke
1. Überblick
In den Vereinigten Staaten von Amerika gibt es seit etwa 20 Jahren die Horticultural Therapie: Eine Therapieform, die die Gartenarbeit zur Heilung von physischen und psychischen Krankheiten nutzt. (S.P. Simson, M.C. Straus, 1998)
Mich hat besonders die Wirkungsweise von Gartenarbeit auf psychisch kranke Menschen interessiert. Eignet sich Gartenarbeit neben der arbeitstherapeutischen Einsetzung auch zur psychotherapeutischen Anwendung?
Zu diesem Zweck habe ich ein zweimonatiges Praktikum in der gärtnerischen Arbeitstherapie eines psychiatrischen Krankenhauses gemacht.
Die Forschungsgrundlage für meine Diplomarbeit war eine vierzigminütige Videoaufnahme einer Arbeitstherapiestunde im Garten. Die Arbeitstherapeutin und ein Patient, der unter einer schizoaffektiven Psychose leidet, führen gemeinsam eine Beetpflege durch. Das Beet wird zunächst von Unkraut befreit, anschließend wird Laub mit dem Laubrechen entfernt, der Boden mit einer Combihacke aufgelockert und gaharkt.
Das Video habe ich makro- und mikroanalytisch nach den Regeln der Kommunikativen Sozialforschung untersucht. (M. Giesecke, 1988, 1994)
2. Ergebnis
Das Ergebnis meiner Forschung ist, daß sich Gartenarbeit als Informationsmedium über psychische Grundstrukturen eines Menschen eignet: Man kann von der Gartenarbeit eines Menschen auf seine psychischen Merkmale schließen.
Wie bin ich zu diesem Ergebnis gekommen?
2.1
Durch die Beobachtung der Gartenarbeit des Patienten in Verbindung mit Symbolen der Traumdeutung habe ich die gleichen diagnostischen Schlußfolgerungen wie die Mediziner gezogen.
Zunächst habe ich die Arbeitsweise des Patienten mit der eines Gärtners verglichen. Zu diesem Zweck habe ich eine Videoaufnahme von der Beetpflegetätigkeit eines Gärtners gemacht.
Dabei stellte sich heraus, daß der Patient im Vergleich zum Gärtner sehr langsam, undynamisch und vorsichtig arbeitet. Der Patient berührt den Boden mit den Arbeitsgeräten kaum. Er streicht ganz vorsichtig und sanft mit dem Laubrechen über die Erde. Er streichelt sie fast. Er vermeidet es, mit den spitzen “Fingern” des Laubrechens die Erde aufzukratzen.
Bei der Lockerung des Bodens benutzt der Patient die flache, stumpfe Seite der Combihacke. Der Gärtner verwendet für diese Arbeit ein spitzes Gerät. Anstatt den Boden mit der Combihacke tiefer aufzulockern, schabt der Patient nur die Oberfläche des Bodens ab. Auch dieser Vorgang erinnert an Streicheln.
Anhand der Arbeitsweise des Patienten möchte ich seine Beziehung zur Erde näher erläutern. Ich orientiere mich an der Beschreibung des Symbols Erde in der Traumdeutung. (E. Aeppli, 1984; H.G. Tietze, 1986)
Die Erde ist das Symbol für das Unbewußte, das unsere psychischen Wurzeln enthält, wie die Erde die Wurzeln der Pflanzen. In der christlichen Religion befindet sich unten die Hölle, also befindet sich in der Erde, in der Unterwelt, alles, was wir fürchten und verabscheuen.
Da die Erde ein Symbol für das Unbewußte des Menschen ist, für die Unterwelt, für “alles, was wir fürchten und verabscheuen”, zeigt der Patient durch seine Arbeitsweise, daß er nicht in seine eigene Unterwelt, sein Unbewußtes vordringen will. Er setzt sich nicht mit der Tiefe, mit dem Ursprung seiner psychischen Erkrankung auseinander und hat Angst, seine Wurzeln zu verletzen. Er schabt lediglich an der Oberfläche.
Wenn ein Mensch seine psychische Erkrankung heilen will, muß er sich z. B. mit Hilfe einer Psychotherapie in die Tiefen seines Unterbewußseins begeben, indem er blockierende Überzeugungen aufdeckt und verändert. Der Patient ist dazu nicht bereit, wie man unschwer an seiner Gartenarbeit erkennen kann und auch daran, daß er seit zwanzig Jahren erkrankt ist, ohne eine Verbesserung seines Zustands.
Die Erde ist der Grund von allem. Sie ist ein Symbol des weiblichen Prinzips, das Empfangende und Gebende, das Passive. Sie empfängt Licht und Regen, den Samen der Pflanzen, der in ihr keimt und wächst, und schließlich Pflanzen, Tiere und Menschen nach ihrem Tot. Sie beinhaltet den Kreislauf von Leben und Tot. Man spricht auch von der Mutter Erde.
Ich habe bereits mehrmals erwähnt, daß der Patient bei seiner Gartenarbeit nicht tiefer in die Erde eindringt bzw. vordringt. Anhand meiner Wortwahl kann man bereits den Bezug zum menschlichen Geschlechtsverkehr erkennen. Der Patient ist nicht bereit in eine Frau einzudringen. Seiner Krankengeschichte habe ich entnommen, daß der Patient noch keinen sexuellen Kontakt zu Frauen hatte.
Auch an diesem Beispiel läßt sich die Spiegelung von psychischen Grundstrukturen des Patienten in der Gartenarbeit erkennen
Die Erde verbindet uns mit der Realität, mit irdischen Dingen.
Der Patient hat kein großes Interesse am tieferen Kontakt mit der Erde. Er berührt die Erde kaum, hat Angst, sie zu verletzen, sie aufzugraben und ihre Geheimnisse ans Tageslicht zu bringen. Auch für die Unkrautentfernung, bei der man die Erde berührt, benutzt er Handschuhe. Er macht mehrmals den Vorschlag, etwas zu schneiden. Er hat also das Bedürfnis, die Arbeit und den Kontakt mit der Erde zu beenden.
Er hält sich von der Erde fern, hat wenig Verbindung zu ihr, ist nicht in ihr verwurzelt.
Aus diesem Grund kann es bei ihm auch zu Grandiositätsphantasien und Selbstüberschätzung kommen, zur Abspaltung von Persönlichkeitsmerkmalen und zum Verschwimmen der Ich-Grenze. Der Patient verliert die Verbindung zur Realität und lebt in seiner eigenen illusionären Welt.
2.2
Durch die Beobachtung der Interaktion zwischen Therapeutin und Patient sowie ihrer gärtnerischen Tätigkeit ist mir aufgefallen, daß der Patient oft reibende, drückende Körperberührungen und Bewegungen vollführt (Beispiele: der Patient reibt sich mit der Hand an der Stirn; der Patient wischt sich mit der Faust über den Mund; der Patient drückt mit der Faust gegen sein Kinn).
Diese Körperberührungen und Bewegungen habe ich imitiert und meine dabei entstehenden Gefühle beobachtet. Diesen Vorgang habe ich nochmals mit zwei weiteren Kontrollpersonen durchgeführt. Die Bewegungen haben bei den Kontrollpersonen die gleichen Gefühle hervorgerufen wie bei mir. Ich gehe also davon aus, daß der Patient diese Gefühle auch empfindet. Die Bewegungen lösen Gefühle der Unruhe, Verkrampfung und Unterdrückung aus. Die Körperberührungen und Bewegungen des Patienten spiegeln seine Gefühlslage wieder.
Die verkrampften Körperberührungen treten auf, wenn die Therapeutin den Patienten anspricht und in seiner Arbeit unterbricht, da der Patient es nicht wagt, daß Gesprächsangebot der Therapeutin abzulehnen. Er unterdrückt diesen Impuls und wird unruhig. Er möchte die Situation verlassen. Er ist wütend auf die Therapeutin, weil sie ihn in seiner Gartenarbeit unterbricht und auf sich selbst, weil er nicht in der Lage ist, der Therapeutin zu sagen, daß er sich nicht mit ihr unterhalten will.
Der Patient hat oft nur eine vage Vorstellung der Grenzen seiner eigenen Persönlichkeit. Er hält sich dann z. B. für einen Tisch. Da es ihm schwerfällt sich selbst gegen andere Personen und Gegenstände abzugrenzen, fällt es ihm auch schwer sich in dieser Situation gegen die Therapeutin abzugrenzen.
3. Die psychischen Grundstrukturen des Patienten
Die Gartenarbeit informiert über folgende psychische Grundstrukturen des Patienten:
• Der Patient will/kann sich nicht mit seinem eigenen Unbewußten und dem Ursprung seiner Krankheit auseinandersetzen.
Das erkennt man daran, daß er mit den Gartengeräten nur an der Oberfläche der Erde schabt und kratzt.
• Der Patient vermeidet sexuelle Kontakte zu Frauen.
Das erkennt man daran, daß er weder mit seinem Gartengerät noch mit seinen Händen tiefer in den Boden eindringt.
• Der Patient hat die Verbindung zur Realität verloren und neigt zu Grandiositätsphantasien, Selbstüberschätzung, zur Abspaltung von Persönlichkeitsmerkmalen und zum Verlust der Wahrnehmung der Ich-Grenze.
Das erkennt man daran, daß er den Kontakt mit der Erde vermeidet. Er trägt bei der Gartenarbeit Handschuhe, benutzt Gartengeräte und hat den Wunsch die Rosen zu schneiden.
Die Gartenarbeit und der Kontakt mit der Therapeutin informieren über folgende psychische Grundstrukturen des Patienten:
• Der Patient vermeidet es, andere Systeme wie den Garten und die Therapeutin zu verletzen oder zurückzuweisen. Bevor er das tut, verletzt er lieber sich selbst.
Das erkennt man daran, daß der Patient sich von der Therapeutin in seiner Gartenarbeit unterbrechen läßt, obwohl er lieber weiterarbeiten würde. Seine Wut auf die Therapeutin und seine Selbstverletzung äußert sich in seinen reibenden, drückenden Körperberührungen und seiner Unruhe in diesen Situationen.
• Der Patient kann sich selbst schwer gegenüber anderen Menschen abgrenzen. Es kommt zu phantastischen Einheitserlebnissen, er sieht z. B. keinen Unterschied mehr zwischen sich und seinem Gesprächspartner.
Das erkennt man daran, daß der Patient nicht in der Lage ist, sich gegen die Therapeutin abzugrenzen, ihr Gesprächsangebot abzulehnen.
Ärztlich diagnostizierte Eigenschaften des Patienten wie Grandiositätsphantasien, Selbstüberschätzung, Abspaltung von Persönlichkeitsmerkmalen und Nichterkennen der Ich-Grenze kann man natürlich nicht in dieser Deutlichkeit in der Gartenarbeit des Patienten erkennen. Die Gartenarbeit kann den Beobachter aber darüber informieren, daß der Patient an Realitätsverlust und an Abgrenzungsschwierigkeiten leidet.
3. Literatur
AEPPLI, E. 1984: Der Traum und seine Deutung, Knaur-Verlag, München
GIESECKE, M. 1988: Die Untersuchung institutioneller Kommunikation, Westdeutscher Verlag, Opladen
GIESECKE, M. 1994: Methoden der Kommunikativen Sozialforschung, Vorlesungsskript im Wintersemester 1994/95
SIMSON, S.P.; STRAUS, M.C., 1998: Horticulture as Therapy, The Food Product Press, Binghamton
TIETZE, H.G., 1986: Imagination und Symboldeutung, Knaur-Verlag, München